Kirchenchristentum und wahres Christentum

Bei vielen, die sich selbst als gläubig bezeichnen, besteht die Vorstellung, man sei nur ein echter bzw. guter Christ, wenn man einer sogenannten Gemeinde angehört und regelmäßig an deren Gottesdiensten teilnimmt. Dementsprechend fühlen sich auch Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, oft unglücklich und einsam, wenn sie keine solche Gemeinde finden, und sie lassen sich zu Kompromissen bewegen, weil sie meinen, die einzige Wahl sei dann, sich der Gemeinde anzuschließen, die gewissermaßen das kleinste Übel darstellt.

Schauen wir uns zunächst einmal an, was im Allgemeinen unter einem solchen „Gottesdienst“ zu verstehen ist, denn dieser ist in vielen Fällen wichtiger als die so genannte „Gemeinde“, mit der man oft nur einmal in der Woche unter dem Dach der Kirche wirklich zu tun hat. Immer gibt es ein Verhältnis zwischen als Ritual wiederholten und als „Liturgie“ zu bezeichnenden Komponenten und dem Predigtelement, das rein in einer (hoffentlich) das Verständnis fördernden Auslegung der Bibel bestehen kann oder biblische Aussagen auf die Lebenswirklichkeit der Gläubigen bezieht.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei der liturgische Teil am gewichtigsten in der katholischen Kirche, in der gebetsmühlenartig die immer gleichen Komponenten der sogenannten „lateinischen Messe“ wiederholt werden (Kyrie, Credo, Agnus Dei etc.) und die Predigt meistens sehr mager und so fade ist, dass man sich zwei Stunden später nicht mehr an ihren Inhalt erinnern kann. Wenn man aber bedenkt, dass in den „zeitgemäßen“ Freikirchen oft die Hälfte des Gottesdienstes im „Lobpreis“ besteht – Lieder, deren Texte sich meistens auf der Ebene von „Jesus, Du bist so großartig, ich hab‘ Dich so sehr lieb“ bewegen, mit einer aus drei Akkorden bestehenden Keyboard- oder Gitarrenbegleitung und den immer gleichen aus der Popmusik entlehnten melodischen Floskeln – dann sieht man, dass dies nicht nur für die katholische Kirche gilt.

Im allerbesten Fall singt man zusammen ein paar wirklich schöne Lieder mit einem vom Heiligen Geist erfüllten Text („Ein feste Burg ist unser Gott“, oder „Lobet den Herren“), betet zusammen das Vaterunser und hört dann eine vom heiligen Geist erfüllte Predigt von einem von Gott berufenen Prediger. Im schlechtesten Fall leiert man die altbekannte Liturgie herunter oder bringt sich selbst in Trance zu wabernden Keyboardharmonien, während ein „Jesus-Freak“ in der englisch benamsten Kirche („Lighthouse“, „Faith Tabernacle“ etc.) ekstatisch mit den Händen über dem Kopf vor dem Hintergrund einer Israel-Flagge herumwedelt, um dann eine nichtssagende Predigt über jedem bekannte Bibelpassagen zu hören, von jemandem, der „geimpft“ ist und glaubt, die BRD sei eine „Demokratie“ und man müsse den „Planeten retten“, in dem man das Auto verkauft und Veganer wird.

Aber selbst, wenn es sich um den bestmöglichen Fall handelt, was ist denn überhaupt ein wirklicher „Gottesdienst“? „Dienst“ kommt von „dienen“, ebenso wie „Diener“. Als Gläubige sollten wir Diener Gottes sein. Was würden wir denn nun von einem Diener halten, der meint, uns dadurch zu dienen, dass er einmal in der Woche für etwa eine Stunde bei uns vorbeischaut und ein Ritual aufführt, um danach vielleicht noch fünfzehn Minuten auf einen Kaffee zu bleiben?

Wenn der in den heutigen „Kirchen“ stattfindende „Gottesdienst“ etwas in der Bibel ähnelt, dann der Heuchelei der Pharisäer. Der echte Gottesdienst jedoch besteht im gesamten Leben der Gläubigen. Jeder Gedanke und jede Tat muss durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten motiviert sein, dann allein erweisen wir Gott den Dienst, den Er von uns wünscht.

Hier sehen wir bereits, dass der echte Gottesdienst über das Leben in der Kirchengemeinde hinausgeht, womit wir auch zur Bedeutung des Begriffs „Gemeinde“ bzw. „Gemeinschaft der Gläubigen“ und damit der eigentlichen „Kirche“ kommen.

Zur Zeit Jesus und seiner Jünger war es so, dass Er bzw. später seine Apostel an einen Ort kamen und dort nicht nur Einzelpersonen, sondern ein Teil oder sogar der ganze Ort seine Lehre annahm. Die Gemeinschaft bestand also bereits und war organisch. Natürlich galt es ab dem Zeitpunkt der Bekehrung, das Leben dieser Gemeinschaft nun rund herum auf die christliche Lehre auszurichten, was auch den Alltag betraf, in dem die verschiedenen Mitglieder der Gemeinschaft regelmäßig miteinander zu tun hatten und ihre Beziehung nun gemäß dem Prinzip der Nächstenliebe transformieren wollten.

Da die Lehre etwas Neues war, lag es nahe, sich regelmäßig zu treffen, damit alle von den dazu Berufenen unterrichtet werden konnten, nämlich denen, die bereits den Heiligen Geist erhalten hatten und dementsprechend reden und lehren konnten – ohne Studium der Theologie und mit einer Autorität, die durch die sichtbaren Früchte des gelebten Glaubens bekräftigt wurde. Genau diese natürlichen Lehrer, i.d.R. Älteste der Gemeinde, waren dann natürlich auch dazu berufen, Streit zu schlichten und waren eine erste Anlaufstelle für Ratsuchende.

Die typische derart natürliche Gemeinde hat sich dann im Verlauf der Geschichte zu den heutigen Kirchengemeinden gewandelt, die künstlich und konstruiert sind und zu denen die meisten Mitglieder ebenso stoßen wie zu einem Sportverein, für den man gegeben Falls auch in den nächsten Ort fährt, wo man eigentlich persönlich niemanden kennt.

Dies zur „Gemeinde“ im konkreten, örtlichen Sinn. Im geistigen Sinn ist die eigentliche „Kirche“ jedoch die Gemeinschaft der Gläubigen. Denn wenn zwei Menschen vom Heiligen Geist erfüllt sind, erkennen sie sich sofort als Geschwister im Geiste und wirken wie ein Herz und eine Seele, auch wenn sie sich gerade erst kennengelernt haben. Da die Liebe zusammenführt, werden auch solche Glaubensgeschwister automatisch bzw. durch Gottes Fügung zusammengeführt, und dies in den meisten Fällen nicht vermittels einer Institution „Kirche“, sondern durch die Wege des Lebens.

Als Christ sollte man sich also von dem Zwang befreien, unbedingt einer „Kirchengemeinde“ angehören zu müssen. Falls es sich so ergibt, dass eine solche Mitgliedschaft als rundweg positiv erlebt wird, ist natürlich nichts dagegen zu sagen, aber in unserer heutigen Welt findet man kaum noch echte Christen in den entsprechenden Gemeinden. Und wer nun das Problem hat, sich einsam zu fühlen, der sollte einfach beginnen, sein ganzes Leben als Gottesdienst aufzufassen, und wenn er Werke der Liebe tut, wird die Liebe in ihm wachsen, er wird den Heiligen Geist empfangen und zur Gemeinschaft mit anderen wahren Christen geführt.

Lesen wir dazu nun die Antwort Jesu an einen Schriftgelehrten, der das vertritt, was damals dem heutigen Schein- und Formchristentum entsprach, bezüglich Jesu angeblichen Verstoßes gegen die Lehre Mosis (Großes Evangelium Johannes, VIII, 92):

***

92. — Über die Einführung des Sabbats

1. (Der Herr:) „Seht, es ist das seit den ersten Zeiten der Menschen der Brauch gewesen, die Woche in sieben Tage einzuteilen, welche Einteilung die Menschen auf dem natürlichen Wege von den Mondvierteln ableiten und auf dem übersinnlichen Wege, der ihnen geoffenbart wurde, aber von den sieben Geistern in Gott, von denen ihr auch etwas gehört, aber noch niemals nur ein Wörtlein verstanden habt.

2. Von den sieben Geistern aber ist es der siebente, der wie rückwirkend alle die sechs vorangehenden durchläutert und durchsänftet, und dieser siebente Geist heißt die tätige Erbarmung. Und seht, auch aus dem Grunde hat Gott durch Moses den siebenten Tag als den Sabbat bestimmt, daß ihr euch am selben von der knechtlichen Arbeit für den eigenen Bauch enthalten und bei der Zusammenkunft vor der Hütte, darin die Lade stand, nach den armen Brüdern, Schwestern, Witwen und Waisen umsehen und euch über sie werktätig erbarmen sollet; denn darin besteht ja das ganze Gesetz Mosis und alle Propheten, daß ihr im vollen Glauben an Gott und in der Liebe zu Ihm an euren armen Nächsten die Werke der rechten Barmherzigkeit ausüben sollet, und darin besteht auch allein der wahre und Mir wohlgefällige Gottesdienst!

3. Wenn aber also und nie denkbar anders, wie hätte Moses je sich nur in einem noch so schlechten Traume einbilden können, daß der Sabbat von Gott dazu bestimmt worden sei, daß an ihm kein Jude auch seinem armen Nächsten ein Werk der Barmherzigkeit erweisen solle und dürfe?

4. Denket euch selbst, ob das Gott eine Ehre erweisen heißt, so ein Mensch einen ganzen Tag erstens im vollsten Müßiggange zubringt und dann zweitens entweder zu Jerusalem im Tempel oder andernorts in einer Synagoge oder in seinem Hause hockend zubringt, sich etliche Male die Zehn Gebote und einige Psalmen Davids und noch anderes aus der Schrift herz-, gedanken- und somit kopflos entweder selbst vormurmelt und vorplärrt oder sich vormurmeln und vorplärren läßt von einem Priester, dem er darum ein Opfer reicht, weil er des blinden Glaubens ist, daß das Gemurmel und das Geplärr aus dem Munde eines Priesters kräftiger und Gott wohlgefälliger sei als sein eigenes! O ihr Unsinnigen! Denket euch doch, ob es möglich sei, daß der allweiseste Gott an solchen nur von euch und nie von Moses und von den Propheten erfundenen und sogar zum Gesetz gemachten Torheiten und Narrenpossen jemals ein Wohlgefallen haben konnte und Er, der ewig unveränderlich Gleiche, es jetzt haben kann oder je wird haben können!

5. Ja, die Menschen, die Gott erkennen und Ihn über alles lieben, sollen im Herzen auch zu Ihm beten. Aber wie? Erstens durch die rechte Befolgung Seines Willens, durch die Ausübung der Werke der Nächstenliebe, und zweitens sollen sie im Herzen lebendig und voll Liebe also zu Gott reden:

6. ,Unser liebevollster Vater, der Du wohnst in Deinen Himmeln! / Dein Reich der ewigen Liebe und Wahrheit komme tatsächlich zu uns! / Dein allein heiliger Wille, das Sein aller Wesen, werde auch unter uns also zur Tat, wie er es in allen Deinen Himmeln und Schöpfungsräumen ist! / Gib uns, Deinen Kindlein, das Brot des Lebens! / Unsere Schulden vergib uns, so wie wir unseren Brüdern, die uns beleidigt haben, vergeben! / Lasse nicht Versuchungen und Reizungen zur Sünde über uns kommen, denen wir in unserer Schwäche schwer oder gar nicht widerstehen könnten, sondern befreie uns von allen Übeln! / Dein Name werde allzeit geheiligt, hoch gepriesen und über alles gelobt; denn Dein ist alle Liebe, Weisheit, Kraft und Macht ewig!‘

7. Sehet, das ist ein rechtes Gebet zu Gott, so es von jemandem im Herzen lebendig und wahr und vollernstlich ausgesprochen wird! Aber auch dieses Gebet hat keinen Wert, so es auch von jemandem im Munde tausend Male ausgesprochen würde, sondern es muß sich im Herzen lebendig, wahr und voll Willensernstes aussprechen, und der Mensch muß das auch durch die Tat zeigen, was die Rede seines Herzens ausspricht, sonst ist alles Beten ein Greuel vor Gott; denn der ewig lebendige Gott, als die Liebe, Weisheit, Kraft und Macht, läßt Sich nicht durch leere und tote Lippenworte und sinnlose Opfer und Zeremonien ehren, sondern allein durch Werke nach Seinem Willen. Diese aber kann und soll ein jeder Mensch an jedem Tage und nicht nur allein am Sabbat ausüben; tut der Mensch aber das, so macht er jeden Tag zu einem wahren Sabbat und braucht nicht auf den siebenten Tag der Woche zu warten, der als Tag vor Mir um kein Haar einen größeren Wert hat als ein anderer. Sehet, das ist auch so Meine Meinung! Und du, schriftgelehrter Templer, kannst Mir nun eine Widerrede machen, wenn du einen Grund dazu hast.“

8. Sagte der Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, das werde ich nun wohl und auch für immer bleiben lassen; denn nun erst habe Ich klar erkannt, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist! Ja, Du hast in allem recht, und der Vorwurf, den Du uns Templern machst, ist wahr und strotzt von Gerechtigkeit. Aber wir sind leider eben vom Tempel aus gefangen und können für diese Deine wahrste Gottessache nichts tun.

9. Du, o Herr, aber bist mächtig; tue Du nach Deiner Gnade, Liebe und Weisheit, was Dir wohlgefällig ist! So wir aber auch im Tempel verbleiben, da werden wir wahrlich in keinem Rate je mehr wider Dich ein Wort abgeben, wohl aber bei Gelegenheiten den Hohenpriestern zeigen, was an dieser Sache ist. So Du uns aber eigens anzeigen wollest, was wir tun sollen, so werden wir das auch tun, um von Dir in Gnaden angenommen zu werden. Herr und Meister, was ist da Dein Wille mit und an uns?“

10. Sagte Ich: „Ich habe euch nun doch schon einiges gesagt, aus dem euer Verstand wohl Meinen Willen wird erkannt haben! Tuet danach, so werdet ihr auch das Leben überkommen! Der Tempel wird euch nicht hindern, im Herzen an Mich zu glauben und nach Meinem Willen zu handeln und, wo es not ist, Mich auch zu bekennen vor der Welt; denn das sage Ich euch auch: Wer Mich bekennen wird vor der Welt, den werde Ich auch bekennen vor Meinem Vater im Himmel. – Und nun könnet ihr wieder nach Jerusalem ziehen; wenn euch aber die Templer nach Mir fragen werden, so machet Mich nicht ruchbar! Mein Segen mit euch! Amen.“

11. Hierauf erhoben sich voll Rührung die Templer, dankten Mir für die Belehrung und für die Erlösung aus ihrem Wirrsal und machten sich, da es schon ziemlich dunkel geworden war, auf den Heimweg, und Lazarus gab ihnen einige Begleiter mit einer Fackel mit, was den Templern sehr angenehm war. Wir aber begaben uns wieder in den Saal und setzten uns an unseren Tisch. Hier erst äußerten die Römer ihre vollste und größte Freude über alles, was Ich den Templern gar so offen und göttlich wahr gesagt hatte.

12. Alle aber baten Mich um das den Templern gezeigte wahre Gebet. Da aber trat Raphael zu Agrikola und übergab es ihm auf Pergament geschrieben, wofür Mir die Römer nicht genug danken konnten.

13. Ich aber sagte darauf zu Lazarus: „Bruder, wir haben nun wieder gearbeitet, darum laß uns vor dem Mahle etwas Wein und Brot bringen, damit wir uns stärken mögen!“

Kommentare sind geschlossen.