Auch Jacob Burckhardt war ein Antisemit

Der im folgenden wiedergegebene Artikel von Aram Mattioli wurde 1999 in der jüdisch geleiteten Umerziehungspostille Die Zeit unter dem Titel „Odiose Kerle. Judenpack“ publiziert. Sein Ziel ist es, den schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897) wegen seiner antijüdischen Einstellung zu diffamieren. Der Hintergedanke dabei dürfte sein, Burckhardt als nicht zitierfähig darzustellen und sein Gesamtwerk zu entwerten, in welchem sich brilliante Beobachtungen und handfeste Argumente finden, welche unsere „moderne liberale Demokratie“ als Farce entlarven, die einer Finanzelite erlaubt, das duch ihr eigenes System zum Pöbel gewordene Volk zu manipulieren. Dabei ist es erstaunlich, wie unbedarft und naiv Mattioli vorgeht. Wenn geistesgeschichtliche Größen wie Burckhardt Antisemiten waren, dürften sie dafür gute Gründe gehabt haben. Natürlich verschweigt der Propagandist, dass die jüdische Finanzelite im 19. Jahrhundert begann, die europäische Kultur zu korrumpieren und dass die jüdischen Lobbyorganisationen nicht weniger unverschämt auftraten als heutzutage die der Türken in der BRD (vgl. dazu H. von Treitschkes Ein Wort über unser Judenthum und Osimandias Artikel Gerichtsverhandlung wegen Gotteslästerung über den Gerichtsprozess gegen deutschen Judaismuskritiker Theodor Fritsch). Die Bilder wurden von mir in den Artikel eingefügt.

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Der schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897)

Der schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897)

Den Basler Gelehrten Jacob Burckhardt umgibt der Nimbus, einer der ganz Großen der Geistesgeschichte zu sein. Sein Buch über Die Kultur der Renaissance in Italien von 1860 gilt als unerreichtes Vorbild, die Geschichte einer Epoche bis in alle ihre Verästelungen zu erfassen. Trotz seiner schneidenden Zeitkritik steht er bei seinen zahlreichen Bewunderern als Inbegriff des „guten Konservativen“ in Ehren. Als Verächter des nationalen Machtstaates habe Burckhardt (geboren 1818, gestorben 1897) die Katastrophen des 20. Jahrhunderts bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg vorausgeahnt und aus den Irrwegen seit der Französischen Revolution erklärt. Nach 1945 stieg er bei vielen Bildungsbürgern sogar zum Kronzeugen für die besseren Traditionen europäischer Geschichte auf. Seit 1998 ziert das Konterfei des „überragenden Denkers“ auch – Ehre aller Ehren – den höchsten Banknotenschein der Schweiz.

Die Legenden, die sich um „Basels großen alten Mann“ (Jörn Rüsen) ranken, stimmten weite Teile der Forschung äußerst gnädig in der Beurteilung von Jacob Burckhardts Antisemitismus. So findet sich immer wieder die Behauptung, dass Burckhardts Äußerungen eine zwar peinliche Angelegenheit bilden, aber letztlich nur eine hässliche, marginale Arabeske darstellen würden – im übrigen Ausfluss traditioneller Vorurteile des Stadtbürgertums seit dem Spätmittelalter. Noch immer beherrschen die von Werner Kaegi in seiner siebenbändigen (!) Monumentalbiografie entwickelten und von ihm nahe stehenden Wissenschaftlern bis heute weitergereichten Interpretationen den Blick auf Burckhardts Ausfälle.

Doch so nebensächlich sind diese Äußerungen nun wahrlich nicht. Denn sie führen – ähnlich wie seine tiefe Abneigung gegen das republikanische Frankreich und seine Ressentiments gegen das demokratische Amerika – an den Kern seiner politischen Grundüberzeugungen heran, die sich vornehmlich aus Negationen und Antihaltungen speisten. Politisch dachte Burckhardt betont antiliberal, antidemokratisch und antikapitalistisch, aber eben auch antiemanzipatorisch und antisemitisch, kurz: als sozialkonservatives Mitglied des Basler Patriziates, das seit der Helvetischen Revolution von 1798 in einem Prozess von mehr als 70 Jahren Dauer seine alte politische Vormachtstellung und seine gewohnheitsmäßig in Anspruch genommenen Privilegien einbüßte.

Ferientage in Locarno – zum Glück „judenfrei“ Anders als die Fable convenue besagt, hat sich Jacob Burckhardt nicht erst während des fiebrigen Gründungsbooms zu Beginn des deutschen Kaiserreichs zu antisemitischen Äußerungen hinreißen lassen. Bereits in seiner Studienzeit zeichneten sich in den 1840er Jahren die Konturen einer judenfeindlichen Grundhaltung ab, die er sein ganzes Leben lang beibehalten sollte. Das zeigt ein Bericht über einen Besuch des jüdischen Ghettos in Rom, verfasst im Juli 1846 für die Kölnische Zeitung, genauso wie ein Brief an den Freund Gottfried Kinkel vom 4. Mai 1847 aus Berlin, in dem er schreibt, dass er das Theater seit fünf Monaten unter anderem deshalb meide, weil er das „hiesige Judenpack“ nicht um sich haben möge, wenn er genießen wolle.

Der distinguierte Gelehrte Jacob Burckhardt konnte irritierend ungeschliffenen, ja sogar grobschlächtigen Vorurteilen freien Lauf lassen, wenn die Rede auf jüdische Dinge kam. Dabei handelte es sich um keine „Ausrutscher“ und schon gar nicht um eigentliche Fremdkörper in seiner Gedankenwelt. Auch an Burckhardts Beispiel zeigt sich, dass seine antisemitischen Vorurteile nicht so sehr als pensée, sondern als passion zu verstehen sind. Was er in anderem Zusammenhang von sich sagte, trifft auch auf viele seiner Äußerungen über Juden zu: „Ich kann’s, wie Sie sehen, auch degoutant erzählen, wenn es sein muss.“ Führt man sich alle seine zwischen 1846 und 1895 gemachten Aussagen über Juden vor Augen, lassen sich zu analytischen Zwecken vier Motivkreise isolieren, die in Tat und Wahrheit einen mentalen Kosmos bilden.

Burckhardt nahm an, dass sich das Wesen von Völkern in der äußeren Erscheinung ihrer Angehörigen spiegelt. Hier als Beispiel der jüdische "Kritikerpabst" Marcel Reich-Ranicki (vgl. diesen Artikel zur jüdischen Physiognomie).

Burckhardt nahm an, dass sich das Wesen von Völkern in der äußeren Erscheinung ihrer Angehörigen spiegelt. Hier als Beispiel der jüdische „Kritikerpapst“ und Deutschenhasser Marcel Reich-Ranicki (vgl. auch diesen Artikel zur jüdischen Physiognomie).

Da ist erstens der Komplex eines physiognomisch argumentierenden Antisemitismus. Wie viele seiner Zeitgenossen nahm Burckhardt an, dass sich das innere Wesen und die nationalen Eigenschaften der Juden auch in ihrer äußeren Erscheinung spiegelten. Tatsächlich glaubte er, dass es so etwas wie typische „Judengesichter“ gebe und folglich eine spezifisch jüdische „Nationalphysiognomie“ existiere. Jüdischsein hatte für ihn nicht mehr mit einer Religionszugehörigkeit und schon gar nicht mit einer soziohistorisch bedingten Minderheitenlage in einer christlich geprägten Gesellschaft zu tun. Jüdischsein war für ihn vor allem eine Frage der Abstammung und bezeichnete letztlich die ethnische Zugehörigkeit zu einer fremden „Nation“. So beschrieb Burckhardt die Juden 1880 vorzugsweise als „Semiten“ und damit mit einem zeittypischen Terminus, der nicht nur im Zeichen einer ethnonationalen Differenzbehauptung („Semiten“ versus „Arier“) stand, sondern auch ein Codewort der antisemitischen Bewegung im Bismarckreich darstellte. Den Angehörigen der „semitischen Nation“ schrieb er nicht nur einen überproportional starken Einfluss auf die Gegenwartsgesellschaft zu, sondern betrachtete sie auch als nationalen „Fremdkörper“ und damit als bedrohlichen Überfremdungsfaktor. So hielt er sich 1884 in Wien darüber auf, dass die Metropole des Habsburgerreiches seit geraumer Zeit recht eigentlich „verjudet und reichlich zu 1/4 verczecht“ sei.

Grundsätzlich waren Burckhardts Denken kulturalistische, ja biologistische Kategorien nicht vollends fremd, auch wenn er diese nicht systematisch entfaltete. Selbst in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen finden sich rassistisch geprägte Termini wie „aktive Rassen“, „naive Völker“, „hochstehende kaukasische Rassenvölker“ und „tieferstehende Rassen“ neben problematischen Werturteilen wie „gesunde Barbarei“, „geistig geringere Rasse“ und „junges kulturfähiges Volk“. Diese Einschätzungen deuten darauf hin, dass der Basler Universalhistoriker zumindest die Antike und die Völkerwanderungszeit immer auch als Verdrängungskampf zwischen „rassisch höher- und tieferstehenden“ Völkern deutete. Ganz im Stile des 19. Jahrhunderts bezeichnete „Rasse“ für Burckhardt die Zugehörigkeit zu einer ethnisch definierten Kulturgemeinschaft, die immer auch auf Abstammung und Vererbung basierte.

In den Historischen Fragmenten betont Burckhardt gleich auf den ersten Seiten, dass überhaupt nur die „Kulturvölker“ zur Geschichte in einem höheren Sinn gehören würden, nicht aber die „Naturvölker“, um dann in aller Selbstverständlichkeit zu betonen: Die „aktive Menschheit“ bewohne das Gebiet um das Mittelmeer bis zum Persischen Golf – also Europa, Nordafrika und Kleinasien -, während die „nichtkaukasischen Völker“ immer mehr zurückgedrängt und schließlich als „passive Existenzen“ aussterben müssten. Vor diesem Hintergrund ist auch das berüchtigte Burckhardt-Wort vom „Königsrecht der Kultur zur Eroberung und Knechtung der Barbarei“ zu interpretieren, solange die zivilisierten Eroberer in den „Mitteln der Unterwerfung und Bändigung die bisherige Barbarei“ nicht überbieten würden.

Für Jacob Burckhardt zwar zweitens eine ästhetische Weltaneignung charakteristisch, die auf eine „beständige Anschauung des Schönen und Großen“ aus war. Die Geschichte, aber auch seine Gegenwart und die Zeitgenossen nahm dieser Augenmensch vorab in den Kategorien von „schön“ und „hässlich“ wahr. Und die Juden diffamierte er als Verkörperungen eines ästhetischen Gegenprinzips: als Inbegriff des Plumpen, des Abgeschmackten und des Hässlichen. So strich er in Schilderungen über das Frankfurt der Reichsgründungszeit die epigonenhafte „Hässlichkeit“ der Geschäftshäuser und Villen von jüdischen Kaufleuten und Bankiers hervor. Dem auf das Schönheitsideal der griechischen Antike und der Renaissance fixierten Basler Gelehrten war die Architektur der Gründerzeit ein Gräuel. Die in der Finanz- und Wirtschaftsmetropole am Main zu Ansehen und Wohlhabenheit gelangten Staatsbürger jüdischen Glaubens nahm er als neureiche Parvenüs ohne jeden Kunstverstand wahr, denen es einzig darum gehe, ihren Reichtum in plumpen Protzund Prunkbauten zur Schau zu stellen: „… wer überhaupt nichts Schönes kann, kann es in keinem Styl und wer keine echte Phantasie hat, dem helfen alle ,Motivcher‘ nichts … Denn die reichen Jüden / Bau’n mit Caryatiden, was sich dann gar schön ausnehmen muss, wenn auf den Balcon zwischen die entlehnten Pandroseionsfrauen die Kalle und das Schickselchen und der Papa mit ihren bekannten Nasen vortreten.“

Burckhardts Widerwille gegen Juden und Jüdinnen, die er hier überdies als leichte Mädchen, kokette Geliebte und Dirnen diffamierte, konnte sich bis zum physischen Unbehagen steigern. 1887 schrieb Burckhardt aus seinen Ferien in Locarno, dass er sich unter anderem auch deshalb prächtig fühle, weil „kein Berliner Jud und sonst nichts von odiosen Kerlen“ seine Muße störe. Und zwei Jahre vor seinem Tod äußerte er sich gegenüber einem befreundeten Ehepaar erfreut darüber, dass ein geplantes Souper in einem Gasthof gänzlich „judenfrei“ über die Bühne gehen werde und es auf diese Weise ganz „angenehm zugehen“ könne.

Neben dem in ästhetischen Kategorien daherkommenden Antisemitismus findet man in Burckhardts Texten drittens auch den zeitgenössisch modernisierten Motivkreis von der jüdischen Raffgier, kurz: das Negativstereotyp vom angeblich „wucherischen Wesen“ der Juden, die eine besonders intime Beziehung zu Geld und Geschäft und zur kapitalistischen Wirtschaftsweise besäßen. Während eines Studienaufenthaltes in München im August 1877 diffamierte Burckhardt einen Antiquar jüdischer Herkunft mehrfach bedenkenlos als „Shylock“, weil dieser ihm, dem leidenschaftlichen Büchersammler, bei der Erwerbung eines kostbar illustrierten Bandes nicht genügend entgegenkam. Geschäftstüchtigkeit, Spekulationsgeist und maßloses Gewinnstreben kennzeichneten in den Augen Jacob Burckhardts nicht nur die von ihm verabscheute Gegenwart, sondern hielt er wie viele Zeitgenossen auch für typisch jüdische „Wesenseigenschaften“. In seinen Briefen profilierte Burckhardt die Juden immer wieder als eigentliche Profiteure der mit der Industrialisierung einsetzenden „Herrschaft von Erwerb und Verkehr“.

Im Grunde sehnt er die Zeit der Ghettos zurück Eng mit dieser Sicht verbunden war viertens eine antiemanzipatorische Grundhaltung. Denn die Emanzipation der Juden und ihr sozialer Aufstieg im Gefolge ihrer Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern war für Jacob Burckhardt ein Signum der unerwünschten Moderne, ein Symptom des ihm zutiefst verhassten „Revolutionszeitalters“. Burckhardt litt darunter, in einem Zeitalter der Fabriken und Stahlwerke, der Eisenbahnen und der Börsen leben zu müssen. Und die vermeintlich „allmächtigen Juden“, die seiner Ansicht nach nicht nur die Wirtschafts- und Finanzwelt, sondern auch die Presse im deutschsprachigen Kulturraum kontrollierten, nahm er als unerwünschte Eindringlinge und Agenten der Moderne wahr. In der Emanzipation der Juden bündelte sich gleichsam alles, was ihm als konservativem Mitglied der alten Basler Herrenschicht an der Gegenwart Unbehagen bereitete: die fortschreitende Demokratisierung und die egalisierenden Tendenzen des Massenzeitalters (wie das allgemeine, gleiche und geheime Männerwahlrecht oder die allgemeine Schulpflicht), die liberale Vorherrschaft in der Politik, die Bevölkerungsexplosion und die Verstädterung, aber auch das „räderschnurrende Elend“ der industriellen Welt und die Herrschaft kommerzieller Werte.

Nach der schweizerischen Bundesstaatsgründung von 1848 reihte sich Burckhardt in die Phalanx der entschiedenen Emanzipationsgegner ein. Zwar tat der Basler seine Haltung nicht wie der Rechtshistoriker Philipp Anton von Segesser oder der Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler in Broschüren und Zeitungsartikeln kund. Doch in Gesprächen mit seinem Studenten Carl Spitteler, dem späteren Nobelpreisträger für Literatur, bekannte er sich des Öfteren als entschiedener Gegner jeden „Fortschritts“. Und im Zusammenhang mit der eidgenössischen Volksabstimmung vom 14. Januar 1866, in der die Niederlassungsfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz auch auf die Schweizer jüdischen Glaubens ausgedehnt wurden, hielt er spöttelnd fest: „Gleichstellung der Juden im Staate und Abschaffung der Todesstrafe sind die Steckenpferde unserer Zeit. Es nimmt mich wunder, was für gute Staatsbürger die Juden abgeben werden!“

In der Schweiz, welche die Mitglieder der jüdischen Minderheit als letztes Land der west- und mitteleuropäischen Staatenzone emanzipierte, gehörte Burckhardt zu den harten und unbelehrbaren Emanzipationsgegnern. Nicht genug damit, hoffte er auch nach dem Abschluss des Gleichstellungsprozesses in Österreich-Ungarn (1867), Deutschland (1869/71) und der Schweiz (1874) darauf, dass das Rad der Geschichte bald wieder zurückgedreht werde. In dieser Haltung bestärkte ihn die im deutschen Kaiserreich seit der innenpolitischen Rechtswende von 1878 auftrumpfende antisemitische Bewegung. Im Winter 1880/81, als eine von immerhin 225 000 Reichsbürgern unterzeichnete „Antisemitenpetition“ von Bismarck eine partielle Entrechtung der jüdischen Staatsbürger (Rücknahme der Gleichberechtigung im Staatsdienst, Numerus clausus für jüdische Studenten an deutschen Universitäten, Einwanderungsverbot für Juden, Führung einer konfessionellen Berufsstatistik) forderte, meinte der Basler Gelehrte gegenüber dem Karlsruher Stadtdirektor Friedrich von Preen erklären zu müssen: „Der Liberalism us wird sich in Gottes Namen überhaupt drein schicken müssen, sein Programm zu revidiren z. B.: die Vollberechtigung der Semiten muss er mit der Zeit aus seiner Bagage entfernen, und wenn ihm darob das Herz bräche, ich glaube jedoch, es bricht ihm nicht einmal.“

Diese in den Freundesbriefen entwickelte Sicht findet auch in Burckhardts Geschichtsdenken eine Bestätigung. Das Mittelalter sei der „heillosen“ Gegenwart auch deshalb vorzuziehen, weil es die Juden durch ein drakonisches Diskriminierungsregime und periodische Pogromwellen nicht zu Einfluss und Macht habe kommen lassen – lässt sich dieses auf den Punkt bringen. In seinen an der Universität Basel gehaltenen Mediävistikvorlesungen führte er an einer bislang in ihrer wahren Bedeutung zumeist verkannten Stelle aus: „Das ganze orthodoxe Mittelalter hat dann die Juden unten gehalten und periodisch verfolgt, das heisst zu vernichten gesucht. Hätte sich dagegen der (westeuropäische) Arianismus behauptet, so wären die Juden schon in einem oder zwei Jahrhunderten die Herren des ganzen Besitzes geworden und hätten schon damals Germanen und Romanen für sich arbeiten lassen. Es hätte gar kein Mittelalter gegeben oder ein ganz anderes. Wenn man nach Wünschbarkeit urteilt, hat man die Wahl: Entweder für allgemeine Judenherrschaft seit dem 7., 8. Jahrhundert oder das Mittelalter, wie es gewesen ist.“

Wofür sich Burckhardt selber entschieden hätte, daran kann aufgrund des bisher Gesagten kein Zweifel bestehen: für das Mittelalter, wie es war. Denn die rohe Unterdrückung der Juden im christlichen Mittelalter bewahrte Europa in seinen Augen nicht nur vor einer schon früh drohenden „Judenherrschaft“, sondern schützte dessen Kultur auch vor einer „vorzeitigen Kommerzialisierung“. Kurz, Burckhardt sehnte die alten gesellschaftlichen Zustände und damit auch die Ghettos zurück.

Fügt man die vier zu analytischen Zwecken isolierten Motivkreise wieder zu einer Gesamtsicht zusammen, lassen sich folgender Schluss ziehen: Wer so über Juden dachte und schrieb, muss als typischer Antisemit im Sinne des 19. Jahrhunderts charakterisiert werden. Burckhardts krude Vorurteile gehorchten einer zeitgemäß-modernen Logik, in der die Juden erstens als Mitglieder einer bedrohlichen „Nation“ und zweitens als skrupellose Geldmenschen und eigentliche Profiteure der entstehenden Industriegesellschaft karikiert wurden. Für ihn verkörperten sie die ganze Dekadenz der heraufziehenden Moderne.

Nach Ansicht der israelischen Historikerin Shulamit Volkov nahm der Antisemitismus seit der deutschen Reichsgründung die Funktion eines kulturellen Codes an, der jemanden als Gegner des modernen sozialen und politischen Freiheitsringens auswies. Dem Antisemitismus kam auch in Burckhardts Sprechen und Schreiben die Rolle eines kulturellen Codes zu, mit dem er die Präferenz für sozialkonservative Normen und antiliberale Leitbilder ausdrückte. Durch ihn gab er sich als Gegner aller Erscheinungsformen der bürgerlich-liberalen Gesellschaft auf industriekapitalistischer Grundlage zu erkennen, kurz: als Anwalt einer sich an „Alteuropa“ orientierenden Gegenaufklärung.

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