Der Blözi

(Gefunden auf rundertischdgf)

Von Kurt Tucholsky soll die politische Wortschöpfung stammen, die seit Jahrzehnten das Weltbewußtsein um eine alles erdrückende Idiotie bereichert hat, der Nazi. Um dieses womöglichen Verdienstes Willen, und in Bewunderung seines literarischen Talents, seien die folgenden Zeilen dem Satiriker Kurt Tucholsky gewidmet:

Der Blözi

– Die Bundesrepublikaner hat einen Antipoden, den er „Nazi“ nennt. Durch den Begriff „ Nazi“ grenzt sich der Bundesrepublikaner von allem ab, von dem er meint, das es nicht hunderprozentig auf seiner Linie ist. Daher ist es nur konsequent, wenn man einmal darüber nachdenkt, dem Bundesrepublikaner auch einen ebenso kurzen und griffigen Namen zu geben. Aus der Vorliebe des Bundesrepublikaners für den Buchstaben „B“, der ihm zugestandenen Existenz als Beta-Version eines zukünftigen Einheitsmenschen und seiner geistigen Selbstdarstellung, die ihn in den Augen des unvoreingenommenen Betrachter als Blödrepublikaner erscheinen läßt, ergibt sich wie von selbst das Kurz- und Kosewort, mit dem man ihn am besten bezeichnet: Blözi!

– Nazi und Blözi, die beiden Pole Restdeutschen Daseins; so wie Bastien et Bastienne – sich die kalte Schulter zeigend – und doch untrennbar miteinander in Haßliebe auf ewig verbunden.

Zur Begriffs-Verdeutlichung zunächst ein kleines Blözi-Glossar:

# Blözi-Deutschland – nur echt in französisch-polnischen Grenzen, dankbar für jedes den Deutschen jemals angetanen Verbrechen. Nach dem „Dritten Reich“ („…und ein viertes wird es nicht geben“), die definitiv existenzielle Verneinung des Deutschtums.
# Blözi-Regime – das freieste Deutschland für jeden Blödmann.
# Blözi-Fahne – Schwarz, Rot und Gold (na ja, ein „Gold“, das nicht gerade das Gelbe vom Ei ist). Die Fahne ist so blözi, das nicht einmal der Versuch, sie zur Billigfahne auf den Meeren zu machen geklappt hat.
# Blözi-Wehr – besetzt andere Länder nur in „höherem Auftrag“ unter dem Label „ Friedensmission“.
# Blözi-Grundgesetz – in „höherem Auftrag“ für die Blözis verkündet, erlassen und in Stein gemeißelt. Der Blözi-Dekalog (hebr.: aseret ha-dibberot) sozusagen.
# Blözi-Adler – gerne auch „Gummiadler“ oder „fette Henne“ genannt. Nicht stolz, sondern eher eine Fettschicht auf ’ner Brühe bildend.
# Blözi-Deutsch – ein hundsmiserables, furchtbares Amerikanisch, das für den Blözi ein Ausweis seiner Bildung ist, so wie gutes Französisch für den Franzosen und gutes Englisch für den Engländer.
# Blözi-Aufmärsche – finden immer mehr vor jeder Art Abspeise-Einrichtungen statt.

Was sind Blözis und worin unterscheiden sie sich von den Nazis?

– Blözis sind vor allem keine Nazis, nein wirklich nicht, auch wenn so manche Blözi-Größe zunächst ein kleiner Nazi war.

– Blözi, Blözi, Blözi! Vor dem Schatten der Nazis, können sich die Blözis klitzeklein machen. Nazis raus! Blözis rein! Gibt keinen Arsch auf der Welt, in den ein Blözi nicht hineinkriecht. Wirft mithin auch keinen Schatten. Ein Schlemihl.

– Der Blözi haßt Kampf und Gewalt. Im Gegensatz zum Nazi tötet der Blözi daher umweltschonend und dabei doch bewußt nachhaltig. Opfer von Blözimorden sind demgemäß die schwächsten und wehrlosesten der menschlichen Gesellschaft, die Ungeborenen. Unter klinischen Bedingungen werden sie „abgetrieben“ und „entsorgt“. Für den Blözi die beste Form das Deutschsein aus der Welt zu treiben.

– Der Blözi lebt ganz bewußt im Hier und Jetzt. Er macht sich keine Sorgen, denn er verkraftet keine Sorgen. Er „entsorgt“ sie und alles, was ihm welche bereiten könnte. Und damit jede Form von Anstand und Moral. Er ist frei von Wissen und Gewissen. Der Blözi lebt einzig mit dem Bewußtsein, seiner großen Illusion, kein Nazi zu sein.

– Der Blözi hat ein Faible für Nullen. Er wähnt sich reich und reicher, je mehr Nullen er hat, und gemeint sind damit nicht nur die auf Schuldenauflistungen, Kontoauszügen und Banknoten.

– Der Blözi verabscheut jedes rechte Gedankengut, das heißt, die so recht in Worte gefaßten und niedergeschriebenen Gedanken. Um sich vor der Aufnahme rechter Gedanken zu schützen, hat er eine Form des Schreibenlernens entwickelt, bei der die Lesefähigkeit nahezu ausgeschlossen ist: Schreiben nach Hören – das ist eine kalligraphische Kunst, so vollendet wie Malen nach Zahlen.

– Der Blözi hat zum Denken die Parteien. Er läßt bei einer Partei seiner Wahl denken, das erspart ihm, den eigenen Kopf anzustrengen. Und überhaupt, in der bunten Blözi-Gesellschaft ist es fast nazi, den Kopf oben, sozusagen erhobenen Hauptes durchs Leben schreitend, zu tragen. Daher hat der Blözi sich Fachkräfte an die Seite gestellt, die gerne bereit sind, jeden zu stolz getragenen Kopf zu zertreten.

– Der Blözi legt Wert auf Äußerlichkeiten; er erwartet vom Nazi, daß dieser sich durch solche vom Blözi abgrenzt: Blondes Haar, deutscher Seitenscheitel, ein entsprechendes Tattoo auf dem Skinhead, brachiale Ernsthafigkeit, unleserliche Botschaften in altdeutschen Buchstaben auf dem Shirt von Thor Steinar – und schon ist er als Antifa-Aktivist, selbst ernannter oder beruflicher Verfassungsschützer und besorgter Bürger mobilisiert. Mobilisiert in geradezu militärischem Sinne, rafft sich der Blözi als Antimilitarist, der er ist, im Gleichschrittt zum Protestmarsch auf, um, ganz gemäß seiner pazifistischen Grundhaltung, ein paar Bullen tüchtig nach guter alter Demokratenart zu vermöbeln.

– Vor jeder Form von innerer Größe ist der Blözi gänzlich gefeit. Sein Inneres bildet nur Blähungen.

– Dem Blözi ist allerdings ein gewisser Hang zum Ewiggestrigen nicht abzusprechen. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht an die Nazis erinnert. Damit stellt er sich viel zu sehr in den Schatten von etwas, das er in allen Bereichen längst überflügelt hat. Deshalb sei ihm die Parole auf seine Bahn gegeben: Der Nazi war gestern. Heute herrscht der Blözi!

Der Blözi verdient es, umgangssprachlich wo immer sich Gelegenheit bietet, auch Blözi genannt zu werden. Der Blözi verdient einen festen Platz im Duden!

S.C.
Semel emissum volat inrevocabile verbum. (Horaz)

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