Die zwei Gesichter Afrikas

Weißenhass besteht neben dem neuen Wunsch nach Rückkehr der früheren Herren fort

Korruption, Machtmissbrauch und Fehlplanung verärgern immer mehr afrikanische Politiker. Immer öfter wird der Ruf nach der „guten, alten, kolonialen“ Vergangenheit laut.

In Namibia offenbart sich das afrikanische Dilemma: Während ein Teil der afrikanischen Einwohner weiterhin auf Enteignung der weißen Farmer drängt, lassen bereits mit Land beschenkte Schwarze die ehemals blühenden Besitzungen mangels wirtschaftlicher Kenntnisse sträflich verkommen, die Produktivität sinkt. In Simbabwe zeigt die Unfähigkeit im Umgang mit ökonomischen Grundsätzen ähnliche Folgen.

So lässt der Aufruf des Kameruner Filmemachers Jean-Pierre Bekolo aufhorchen. Hiernach seien nicht die alten Kolonialmächte am Elend des Schwarzen Kontinents schuld, sondern die Afrikaner selbst. „Das koloniale Projekt war viel erfolgreicher, als seine Initiatoren es je vermutet hatten“, versucht Bekolo seine Landsleute zu belehren und verlangt gar die Rückkehr der ehemaligen Kolonialisten. „Wir müssen die Uhr bis zu dem Punkt zurückdrehen, wo die Dinge anfingen, schiefzulaufen“, so sein Postulat.

Bekolo ist mit seiner Erkenntnis nicht allein. Unterstützung findet er beispielsweise bei der 1955 geborenen Landsmännin Axelle Kabou, die in Paris Ökonomie und Kommunikationswissenschaft studiert hat und mit ihrem Wissen verschiedene afrikanische Präsidenten beriet. Danach verfasste sie eine Streitschrift mit dem Fazit, dass ihr Kontinent vor einem Abgrund stehe. Unabhängigkeit und Entwicklungshilfe hätten fast gar nichts bewirkt.

Kritiker wie die Intellektuellen Georg Ayittey, Andrew Mwenda, Roger Tagri, James Shikwati und Chika Onyeani bemängeln unisono, die neuen Führer befänden sich meist auf einem Egotrip zur eigenen Bereicherung durch die Ausbeutung der Ressourcen, ohne dem eigenen Volk einen entsprechenden Teil zugutekommen zu lassen. Es werde dank der Geschenke von Geberländern eigentlich nur zementiert, was es zu überwinden gelte. Statt sinnvoll zu investieren, werde das Geld für Waffenkäufe und die Festigung einer Tyrannenherrschaft verschleudert. Der Generalsekretär des Pan African Movement, Tajudeen Abdul Raheem, klagt gar: „Wir werden durch solche westlichen Kampagnen infantilisiert.“ In diesen Kreisen kursiert ohnehin der Leitsatz zur Alternative der heutigen Gießkannenhilfe: „Bring the colonial master back.“

Der kenianische Kulturphilosoph Ali Mazuri sekundiert: „Echte Reformen beginnen mit Selbstkritik.“ Davon allerdings sind Afrikas Politiker weit entfernt. Musterbeispiel dafür ist Simbabwes greiser Präsident Robert Mugabe, der das einst unter weißer Bewirtschaftung blühende Land Schritt für Schritt zum Armenhaus des Kontinents wandelte, ebenso wie früher Ugandas schillernder Diktator Idi Amin, der erst die erfolgreichen britischen Tee- und Kaffeepflanzer vertrieb und zum Schluss alle Inder, die das Rückgrat der Verwaltung in Banken und Versicherungen bildeten. Die Folge: Ein bis heute anhaltendes Chaos, das jetzt durch den Wandel der muslimischen Welt (wie auch in Tansania) weitere Rückschläge einstecken muss. Kritiker Andrew Mwenda, Journalist in der ugandischen Hauptstadt Kampala, wird nicht müde, die negativen Folgen der gegenwärtigen Entwicklungshilfe als Pakt zwischen Helfern wie dem britischen Ex-Premier Tony Blair und den herrschenden schwarzen Eliten anzuprangern.

Auch Kenia verschenkte durch Streitigkeiten um die Führung den glänzenden Status einer „Schweiz Afrikas“, den es noch unter seinem ersten, charismatischen Führer Yomo Kenyatta beanspruchen konnte. Solche Zustände prangert seit Langem der kenianische Politikwissenschaftler Michael Chege an, unterstützt vom nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka.  Ganz klar brachte diese auch Mwenda in der Züricher „Weltwoche“ zum Ausdruck: „Warum kommt ihr nicht, rekolonialisiert unsere Länder, stürzt unsere Politiker und bringt eure Standards hierher?“

Dabei ist eine „stille Rekolonialisierung“ längst im Gange, zum Beispiel in Angola. Das westafrikanische Land boomt dank seiner Erdölvorkommen. Geld ist da, was fehlt, sind gut ausgebildete einheimische Arbeitskräfte, die helfen, diesen Aufschwung zu stabilisieren. Und die liefert zurzeit die ehemalige koloniale Mutter Portugal. Denn dank der europäischen Wirtschafts- und Finanzkrise emigrieren viele gut ausgebildete und arbeitslose Portugiesen nach Angola und füllen die Lücke.

Zugleich hören viele afrikanische Regierungschefs die neuen Loblieder auf die „guten, alten, kolonialen“ Zeiten gar nicht gern. In Namibia, das als Deutsch-Südwestafrika von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie war, wird nun versucht, die letzten deutschen Spuren zu tilgen. So setzte der namibische Präsident Hifikepunye Pohamba durch, dass die 450 Kilometer lange zipfelförmige Ausbuchtung im Nordosten Namibias künftig nicht mehr Caprivi-Zipfel, sondern „Sambesi-Region“ heißt. Der Landstreifen war zuvor nach dem einstigen deutschen Reichskanzler benannt. Leo von Caprivi folgte auf Otto von Bismarck und regierte von 1890 bis 1894. Zudem werden die Orte Schuckmannsburg und Lüderitz von der Karte getilgt. Der nach dem damaligen Gouverneur Bruno von Schuck-mann benannte Ort heißt ab sofort wieder Luhonono und die Hafenstadt Lüderitz, die an den gleichnamigen Bremer Kaufmann erinnert, erhält einen neuen Namen in der lokalen Khoisan-Sprache, für die es in Deutschland keine Schriftzeichen gibt und die übersetzt „Umarmung“ heißt.

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