Vielfalt in Outremont

Von Anthony Hilton, übersetzt von Deep Roots. Das Original Diversity in Outremont erschien am 19. Februar 2013 im Occidental Observer.

Hier in Outremont, einem Bezirk von Montreal, heizen sich die Dinge zu einer weiteren Episode des „Purim“ auf, während dem unsere Tausenden von chassidischen Juden eine Polterparty haben, bei der Erwachsene sich völlig besaufen und sehr laut werden, während von den Kindern erwartet wird, daß sie herumgehen, um Freunde und Verwandte zu besuchen, alle in bizarrer Kluft kostümiert, um sich prächtig zu amüsieren. Nur daß das Zu-Fuß-Gehen out zu sein scheint. Stattdessen bevorzugen die kleinen Chassidim Busse, die jeden all die Straßen auf und ab befördern, wo Chassidim konzentriert sind. Ist das ein Problem?

Nun, es gibt eine Vorschrift in Outremont, die es großen Bussen verbietet, in Wohnstraßen zu fahren, mit Ausnahmen für Schulbusse und Kleinbusse. Die Chassidim wollen zu Purim große Busse verwenden. Der Bezirk sagt nein, nur Kleinbusse.

Aber der Hintergrund ist eine lange Geschichte der Verbitterung zwischen den Chassidim und ihren großteils französischen (Québécois) Nachbarn wegen Beschwerden, daß die Chassidim allgemein Gemeindevorschriften zu ignorieren versuchen, die sie lästig finden – Bauvorschriften, Parkregelungen etc. Ihre massivem Intercitybusse halten illegal in Wohnstraßen, wobei ihre Dieselmotoren die Leute zu unüblichen Zeiten in der Nacht aufwecken. Und sie haben einen Ruf, mit einer Menge durchzukommen, dank kommunaler Beamten, die angeblich Konfrontationen vermeiden wollen.

Nicht daß die Chassidim sehr gefährlich wären: sie bleiben großteils unter sich, sie nehmen keine Drogen (außer Alkohol und Tabak), sie tragen keine Feuerwaffen, noch gehen sie in Banden herum, die Leute töten oder zusammenschlagen. Sie betreiben aber Vandalismus gegen Leute, die sie nicht mögen, weil sie versuchen, sie vor dem Gesetz zur Verantwortung zu ziehen. Sie sind auch bekannt für Finanzschwindel, aber das scheint die nachbarlichen Beziehungen nicht so sehr zu beeinträchtigen. Sie können ein wenig einschüchternd erscheinen, wenn sie in großen, lauten Protestgruppen auf die Straße gehen, wobei sie Frauen bespucken können (besonders Frauen, die nicht gut bedeckt sind). Sie können extrem unangenehm sein bei ihrer Belästigung nichtjüdischer Nachbarn, deren Häuser sie für die chassidische Expansion begehren (sie haben extrem hohe Zahlen von Nachkommen). Und sie haben wenig Interesse am Herausputzen ihrer Häuser oder an der ordentlichen Handhabung von Müll – was daran erinnert, was geschah, als eine Lubawitscher Sekte ein koscheres Schlachthaus in Postville, Iowa aufmachte und es vermied, grundlegende nachbarschaftliche Dinge zu tun wie die Rasen im Sommer gemäht zu halten und die Gehsteige im Winter freizuschaufeln.

Daher sind Chassidim als Nachbarn nicht sehr lustig und werden weithin von jenen gehasst, die in ihrer Nähe leben. Ihr Verhalten hat Quebec-weite Kontroversen um „vernünftiges Entgegenkommen“ gegenüber den fremden kulturellen Gebräuchen genährt, die von der massiven Einwanderung nach Quebec gebracht wurden.

Die Spannungen in Outremont können sich tatsächlich aufheizen und im aktuellen Streit darum resultieren, welche Art von Bussen zu Purim benutzt werden darf. Die englischsprachigen Medien tendieren dazu, die Ansicht zu fördern, daß die Chassidim einfach in Ruhe gelassen werden sollten, während die Einwohner des Bezirks einfach wollen, daß Frieden herrscht. Heute morgen hatte der örtliche Sender von CBC (Canadian Broadcasting Corporation) einen Beitrag über das kommende Purimfest, wozu ich den folgenden Kommentar abgab:

Okay, wir haben also heute morgen mindestens zweimal von Mindy Pollach [einer Chassidin] gehört, die darüber jammert, daß die Chassidim kommunale Vorschriften ignorieren dürfen sollten. Wann werden wir jetzt die andere Seite hören?? Es gibt in solchen Angelegenheiten üblicherweise zwei Seiten!!!

Worauf CBC so freundlich war zu antworten:

Danke für Ihre Rückmeldung. Wir haben den Gemeinderat zu dem Thema befragt, und sie haben unser Ansuchen um ein Interview für heute morgen abgelehnt. Wohnen Sie in Outremont? Falls ja, dann würden wir gerne Ihre Gedanken und Ihre Seite der Geschichte gehört. Bitte kontaktieren Sie mich.

Beste Grüße, Sophie   CBC Radio One

Hier ist also meine Seite der Geschichte:

Guten Tag, Sophie (toller Name: ist auch der meiner Tochter)

Danke für Ihre Antwort – und für Ihre Bemühungen und die von Daybreak um alternative Sichtweisen!

Ja, ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in Outremont gewohnt, ab 1968. Um zu verstehen, warum der Gemeinderat Ihr Ansuchen um ein Interview abgelehnt hat, müßten Sie die enorme Gehässigkeit verstehen, die es zwischen der Bürgermeisterin und ihren Gefolgsleuten einerseits und der wachsenden Zahl von Bürgern andererseits gibt, die sich über etwas empören, das sie als Vorzugsbehandlung wahrnehmen, die die Chassidim in vielen Aspekten des täglichen Lebens erhalten. Als Folge davon bleiben die Bürgermeisterin et al. in fast allen Zusammenhängen zugeknöpft. Diese Kontroverse ist von Pierre Lacerte in seinem seit langem bestehenden Blog und in den Berichten unserer tapferen unabhängigen Gemeinderätin Céline Forget gut dokumentiert worden.

(Wenn ich „tapfer“ sage, dann deshalb, weil ich vor ein paar Jahren miterlebt habe, wie sie von einem Chassiden zu einer Zeit niedergeschlagen wurde, in der sie alle Arten von Vandalismus und Drohungen erdulden mußte.)

Meine eigene Ansicht ist, daß es, wenn es in einem Teeritorium eine Mischung von Volksgruppen gibt, bei der mehr als eine bedeutende Macht ausübt (aus welchem Grund auch immer), entscheidend ist, daß die Regierung Gesetze mit auserlesener Gleichheit und Neutralität anwendet, wenn sie soziale Konflikte vermeiden soll. Ethnische Vielfalt in Stadtvierteln ist nun dafür bekannt, daß sie zu einem Verlust von „Sozialkapital“ und zu Mißtrauen in alle Richtungen führt (Die nun wohlbekannte, aber immer noch zu häufig ignorierte Studie des Harvarder Soziologen Robert Putnam, „E Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-first“)

Es ist in der Sozialpsychologie auch wohlbekannt, daß, während „Voreingenommenheit“ (im Eigen- oder Gruppeninteresse) im Ausmaß von Individuum zu Individuum variieren kann, wir Menschen sie alle in gewissem Maße zu haben scheinen, was zwischen rivalisierenden Gruppen leicht zu Wahrnehmungen und Vorwürfen von Unfairness führt. Und wir neigen dazu, blind gegenüber unseren eigenen Voreingenommenheiten zu sein. Zum Beispiel erlebte ich einmal, wie Alex Werzberger (der chassidische Führer hier) sich laut über etwas beschwerte, von dem er behauptete, daß es eine „antisemitische“ Zeitungskolumne sei, mit der er vor uns herumfuchtelte (dies geschah bei einer Versammlung der nun nicht mehr bestehenden Interkulturellen Kommission) und sagte, der Autor hätte beschlossen wegen „zu vielen Chassidim“ nicht in Outremont zu wohnen; hinterher stellte sich heraus, daß es Richard Martineau vom Journal de Montreal war, der einfach erklärte, daß er in ein Viertel ziehen wolle, wo seine Kinder frei mit einer Menge Nachbarkinder spielen konnten, und daß er, während er sie gern mit chassidischen Kindern spielen lassen hätte, darüber informiert worden war, daß den chassidischen Kindern nicht erlaubt würde, frei mit den seinen zu spielen. Nun, um Himmels Willen, wenn irgend jemand in diesem Fall Vorurteile hat, dann sind es die Chassidim. Und Martineau hatte recht: hier spielen die chassidischen Kinder hauptsächlich mit anderen Chassidim, während der Nachwuchs all der anderen Volksgruppen in Outremont (wie viele es auch geben mag) frei miteinander spielen. Daher glaube ich, daß es ein großer Fehler der Medien ist, besonders der englischsprachigen Medien, nur den französischen Québécois vorzuwerfen, voreingenommen zu sein (gegen die Chassidim), während sie die Chassidim als eine harmlose und völlig unschädliche Minderheit betrachten, die schikaniert wird.

Das Ergebnis von all dieser Bitterkeit zwischen Gruppen ist, daß eine lautstarke Feier, die in einem ethnisch homogenen Gebiet leicht toleriert werden würde, nun von den Nicht-Chassidim in Outremont als großes Ärgernis empfunden werden wird, und sie werden sehr empfindlich gegenüber jedem Anzeichen davon sein, daß Vorschriften ignoriert werden.

Also noch einmal, ich sehe keine Alternative zu einer rigorosen und strikt neutralen Anwendung jeder einzelnen Regel und Vorschrift. Dann können wir alle damit weitermachen, „Vielfalt“ zu genießen.

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