Vom Paria zum Heiligen: Baruch Spinoza und der jüdische Lobbyismus in der Wissenschaft

Von Sternbald

(Der folgende Artikel stützt sich auf Andrew Joyces vierteiligen, vom 04. bis zum 08. März 2013 in The Occidental Observer veröffentlichten Beitrag zu Baruch Spinoza: Pariah to Messiah: The Engineered Apotheosis of Baruch Spinoza IIIIII und A Postscript on the Acceptance of “Jewish Genius” by Non-Jews).

SpinozaBaruch Spinoza (1632-1677) ist ein Name, der gebildeten Menschen geläufig ist. Aber wer hat seine Werke gelesen? Nehmen Sie einmal seine Ethica, ordine geometrico demonstrata (1677 posthum) zur Hand und schauen Sie, wie weit Sie kommen. Bereits der Titel, zu Deutsch „Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt“, lässt vermuten, dass das Werk zum einen eklektisch ist (die Anwendung mathematischer Prinzipien auf die Philosophie geht auf René Descartes zurück) und dass es zum anderen den Leser mit einem formelhaft-schematischem Denken und einer entsprechenden Ausdrucksweise strapaziert. Es handelt sich also prinzipiell um nichts Neues und gleichzeitig um schwer verdauliche Kost. Genau dies dürfte auch der Grund sein, warum der jüdische Philosoph bis heute vorrangig für akademische Spezialisten im Bereich der Geschichte der Philosophie von Interesse ist – und darüber hinaus für Judaisten und Juden.

Spinoza ist nämlich insofern besonders, als dass es sich um einen der ersten europäischen Juden handelte, die sich, um Zugang zu christlich-europäischem Wissen zu erhalten, von ihrer eigenen Tradition abwandten; man muss nämlich wissen, dass es Juden zu dieser Zeit untersagt war, Latein zu lernen und sich mit der europäischen .Kultur und Wissenschaft zu beschäftigen, wohlgemerkt untersagt durch ihre eigenen Rabbis. Zur Strafe wurde der Aufrührer, welcher offene Kritik an dem religiös begründeten Rassismus und Autoritarismus seiner Stammesgenossen übte, von der jüdischen Gemeinde Amsterdams ausgeschlossen und geächtet (eine Abbildung des Banns („Cherem“) findet sich im dt. Wikipedia-Artikel über Spinoza).

Konsequenterweise wollte das Judentum den abtrünnigen Häretiker zu Lebzeiten und in den folgenden Jahrhunderten am liebsten totschweigen. Heutzutage hingegen kann beobachtet werden, dass jüdische Universitätsphilosophen den Apostaten in den Himmel loben, allerdings nicht, weil er so mutig und frei war, das Judentum zu kritisieren, sondern weil er, der jüdische Philosoph, angeblich „das Rückgrat der europäischen Aufklärung“ darstelle (Jonathan Israel).

Dieser klar erkenntliche Bruch im Verhältnis des Judentums zu Baruch Spinoza erklärt sich durch die Bedeutung der Aufklärung und der nachfolgenden Säkularisierung für das Judentum: Im traditionell christlichen Europa war es für das Judentum unabdinglich, sich eindeutig vom Christentum, dem Glauben und der Kultur der Mehrheit, abzugrenzen und sich dessen Einfluss mit aller Macht entgegenzustemmen. Dementsprechend galt für alle gläubigen Juden, dass alles Nichtjüdische des Teufels war: Kontakt sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Von den Christen wurde diese Abgrenzung weitgehend akzeptiert, da sie selbst ebenfalls eine zwar nicht ganz so ausgeprägte, aber doch klar erkenntliche Abgrenzung gegen andere Religionen und Kulturen praktizierten.

Als mit der Aufklärung und der folgenden Säkularisierung dem Christentum der Kampf angesagt wurde, musste auch das Judentum seine bisherige Strategie aufgeben: Statt durch die Religion, begann man, sich vorrangig durch die Abstammung zu definieren. Natürlich mussten nun Argumente gefunden werden, warum die jüdische Abstammung etwas ganz Besonderes war, um die eigene Gemeinde zusammenzuhalten. Somit wurde jedes „jüdische Genie“ zum Trumpf. Eine menschliche (oder vielleicht eher eine jüdische) Schwäche ist dabei, dass zur Not etwas nachgeholfen wird (man beachte die Parallelen im Fall Einstein). Der besondere Charakter der Werke von „Genies“ wie Spinoza und Einstein macht es den jüdischen Propagandisten dabei sogar einfacher: Je weniger Nichtjuden in der Lage sind, sich ein fundiertes Urteil zu bilden (weil sie es nicht verstehen, d.h., weil es unverständlich, zuweilen sogar paradox und verworren ist), umso weniger Einspruch werden sie gegen die Flut an Lobpreisungen dieser „Genies“ aus jüdischer Feder erheben.

Werfen wir nun einen Blick auf die Verklärung Spinozas durch jüdische Autoren seit der Aufklärung (detaillierte bibliographische Angaben finden sich in dem eingangs erwähnten vierteiligen Artikel von Andrew Joyce).

Den Anfang macht Moses Mendelssohn, der sich in Jerusalem (1783) auf Spinoza beruft, um zu beweisen, dass das Judentum mit den Prinzipien der Aufklärung vereinbar sei. Damit tut er den ersten Schritt in den jüdischen Bemühungen um die Aufnahme des Amsterdamer Apostaten in den Kanon der westlichen Philosophie.

Auch außerhalb der Philosophie versuchte man, die Europäer zu versichern, dass das Judentum der Akzeptanz der modernen Gesellschaft keinesfalls im Wege stehe. Joyce verweist hier auf die Befragung jüdischer Autoritäten durch Napoleon im Pariser Rathaus im Jahre 1806. Dem französischen Kaiser waren Berichte über systematischen Betrug und Wucherei durch Juden, insbesondere im Elsaß und der Lorraine, zu Ohren gekommen, weswegen er an der von ihm propagierten rechtlichen Gleichstellung dieser Gruppe mit den Franzosen zu zweifeln begann. Auf seine Erkundigungen nach dem Standpunkt des Judentums zu Fragen wie der Heirat zwischen Juden und Nichtjuden oder dem Stellenwert der Franzosen im Vergleich zu den Juden antworteten die Befragten schlicht, indem sie alles Problematische abstritten. Napoleon glaubte ihnen und ordnete die völlige Umsetzung der Gleichstellung an. Wie Esther Benbassa in The Jews of France: A History from Antiquity to the Present – Die Juden Frankreichs: Eine Geschichte vom Altertum bis zur Gegenwart (Princeton University Press, 2001: S.89) belegt, war die vorgebliche Anpassung nur eine List, um innerhalb der Gemeinden weiterhin ungestört das traditionelle Judentum praktizieren zu können.

Ein weiterer Meilenstein der Verklärung Spinozas war Berthold Auerbachs (1812–1882) Spinoza: Ein historischer Roman, in welchem der jüdische Autor den Amsterdamer Philosophen als Teil einer langen Tradition des jüdischen Rationalismus präsentiert. In diesem Text wird die jüdische Prägung des Protagonisten übertrieben und der Einfluss der christlichen Kultur auf sein Denken und Schaffen ausgeblendet. Derart wird nicht allein der Anschein erweckt, seine Philosophie sei das natürliche Produkt seines jüdischen Denkens. Ebenso wird Spinoza den Nichtjuden als bewundernswertes moralisches Vorbild präsentiert. Auerbachs Verklärung Spinozas fügt sich bestens in die Bemühungen anderer jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts wie Heinrich Graetz und Abraham Geiger ein, das Judentum als eigentliche Quelle aller europäisch-christlichen Kulturleistungen darzustellen.

Die mit Mendelssohn begonnene und im 19. Jahrhundert sich verstärkende Tendenz erreichte ihren ersten Höhepunkt in der Weimarer Republik. Wie David Wertheim in Salvation Through Spinoza: A Study of Jewish Culture in Weimar Germany (Erlösung durch Spinoza: Eine Studie der jüdischen Kultur in der Weimarer Republik) schreibt, „war Spinoza einer der bedeutendsten Helden der jüdischen Renaissance in der Weimarer Republik. Die Identifizierung des Judentums mit Spinoza zeigte sich in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, der Tagespresse und Romanen“ (S. 15). D.B. Schwartz zufolge (The First Modern Jew: Spinoza and the History of an Image – Der erste moderne Jude: Spinoza und die Geschichte seines Bildes) waren die Diskussionen über Spinoza zu dieser Zeit „von religiöser Rhetorik erfüllt“ (S. 7). In manchen Fällen „wurde Spinoza zu nichts weniger als einem Ersatz für den Messias und zum Ausdruck jüdischer Hoffnungen“ (ebenda). Dementsprechend gab es in der Weimarer Republik kaum eine Ausgabe der zionistischen Jüdische Rundschau (über 20 000 Leser) oder der Zeitung der Jüdischen Gemeinde in Berlin (mehr als 90 000 Leser) ohne enthusiastisches Lob für den neuen Heilsbringer (vgl. Schwartz: S. 3).

Die Verklärung Spinozas durch jüdische Lobbyisten wird seitdem in Europa und in Nordamerika bis zum heutigen Tag systematisch fortgesetzt, wobei Joyce eine Steigerung der Bemühungen in der Gegenwart bemerkt. Die Titel einiger Bücher, ebenso wie die Namen ihrer Autoren, sprechen für sich selbst (Joyce geht in seinem Artikel auf einige dieser Beiträge gesondert ein):

H. Wolfson: The Philosophy of Spinoza (Harvard University Press, 1934).

J. Dunner: Baruch Spinoza and Western Democracy: An Interpretation of his Philosophical, Religious, and Political Thought (Philosophical Library, 1955).

L.S. Feuer: Spinoza and the Rise of Liberalism (Boston, 1958).

L. Roth: Spinoza, Descartes, and Maimonides (New York, 1963).

M. Glicksman Grene: Spinoza and the Sciences (Kluwer, 1986).

S. Nadler: Spinoza: A Life (Cambridge University Press, 2009).

S. Nadler: Spinoza’s Heresy: Immortality and the Jewish Mind (Oxford University Press, 2002).

M. Mandelbaum: Spinoza: Essays in Interpretation (Illinois, 1975).

J. Israel: Radical Enlightenment: Philosophy and the Making of Modernity 1750-1850 (Oxford University Press, 2002).

R. Goldstein: Betraying Spinoza: The Renegade Jew Who Gave Us Modernity (New York, 2009).

M. Mack: Spinoza and the Specters of Modernity: The Hidden Enlightenment of Diversity from Spinoza to Freud (Continuum, 2010).

S. Nadler: A Book Forged in Hell: Spinoza’s Scandalous Treatise and the Birth of the Secular Age (Princeton University Press, 2011).

Während der französische Philosoph Pierre Bayle (1647–1706) zu seiner Zeit über Spinoza schrieb „Wenige Personen stehen im Verdacht, Anhänger seiner Theorie zu sein, und unter diesen haben noch weniger sie selbst studiert; unter letzteren gibt es nur sehr wenige, die sie verstanden haben und die nicht von den Abstraktionen, die sie auszeichnen, entmutigt wurden“ (Quelle hier), behauptet Rebecca Goldstein heutzutage, dass er „uns die Moderne gab“.

Die zitierten Machwerke durften sich durchweg hervorragender Rezensionen durch Angehörige derselben Lobbygruppe erfreuen (Beispiele finden sich bei Joyce): Es handelt sich um ein akademisches Kartell, in dem man sich gegenseitig über den gründen Klee lobt und ausgiebig zitiert.

Gleichzeitig sind in den USA, vielen Ländern Europas, Brasilien, Japan etc. Spinoza-Gesellschaften und Fachzeitschriften wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Universitäten Marburg und Hannover arbeiten an umfangreichen Onlinebibliographien.

Lassen wir einen der wenigen zeitgenössischen nichtjüdischen Spinozaexperten zu Wort kommen, den Holländer Hubertus G. Hubbeling (Spinoza’s Methodology, S. 103):

Es gibt einige jüdische Autoren, welche sehr nachdrücklich die Bedeutung von Spinozas Beitrag zur Entwicklung demokratischer Ideen herausstreichen, so z.B. Joseph Dunner, welcher ihn diesbezüglich für bedeutender als Locke hält. L. Feuer macht aus Spinoza den ersten demokratischen Philosophen: „Die politische Philosophie Spinozas ist das erste Zeugnis des demokratischen Liberalismus in der Geschichte.“ Meiner Meinung nach wird Spinozas Bedeutung hier übertrieben.

Am weitesten bei der Verklärung Spinozas dürfte der eingangs erwähnte Jonathan Israel gehen, welcher die Aufklärung als eine einzige, länderübergreifende Bewegung darstellt, deren Zentrum die Philosophie des Juden Spinoza bilde, welcher daher über nichtjüdischen Philosophen wie Descartes, Hobbes, Locke, Voltaire und Newton stehe und als „Ursprung der Moderne“ und „das intellektuelle Rückgrat der europäischen Aufklärung an allen Orten“ zu betrachten sei (zitiert nach D.B. Schwartz: The First Modern Jew: Spinoza and the History of an Image, Princeton University Press: 2012, S. 83).

Angesichts der vielfach belegten Macht der jüdischen Lobby in der Politik, den Medien und dem Erziehungswesen wäre es nicht verwunderlich, wenn Spinoza in einigen Jahren allgemein als bedeutendster Philosoph der Moderne, wenn nicht aller Zeiten, angesehen wird. Die Tatsache, dass aufgrund seiner Unverständlichkeit „unter denen, die ihn sorgfältig studiert haben, nicht einmal Übereinstimmung über die Bedeutung der zentralen Stellen seiner wichtigsten Lehren besteht“ (Edwin Curley in Spinoza’s Metaphysics: An Essay in Interpretation – Spinozas Metaphysik: Versuch einer Interpretation, Harvard University Press, 1969: S. 3) macht es den Lobbyisten dabei um so einfacher, denn leider akzeptieren die meisten Menschen die Urteile so genannter Autoritäten fraglos. Es handelt sich hierbei um eine Erkenntnis, die uns wachsamen und kritischen Deutschen aus unserer jüngsten Geschichte nur allzu gut bekannt ist.

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