Opferungen im Heidentum

von Varg Vikernes

übersetzt von Kairos

Im Zeitalter der Wikinger berichteten die Christen, dass einige Heiden den Æsir, Vanir, Elfen (das heißt den Geistern der Verstorbenen) und anderen vettr (“Kreaturen”) “außerhalb der Festtage“ Opfer darbrächten und sie um Gefallen bitten würden. Sie berichteten auch, dass viele Heiden auf diese Opfer mit Verachtung herabsahen. Die Christen glaubten, dass diese Leute keine „echten“ Heiden wären. Stattdessen hatten sie, was man als trúa á mátt sinn ok megin bezeichnete (“Glaube an die eigene Stärke und Macht”).

Wie immer ist die christliche Interpretation von Unwissenheit geprägt. Diese Heiden waren in der Tat genauso heidnisch wie die Heiden, die diese Opfer (auch) „außerhalb der Festtage“ darbrachten. Der Grund dafür, dass manche Heiden „außerhalb der Feiertage“ keine Opfer darbrachten war, dass wofür auch immer Du Hilfe von den Göttern benötigst Du nicht zu besitzen verdienst. Wenn Du die Götter in irgendeinem Kontext um Hilfe bittest und sie wird gewährt, dann gehört der Profit den Göttern. Du verdienst nicht es selbst zu besitzen, es sei denn, Du hast es mithilfe von mátt sinn ok megin (“Deiner eigenen Stärke und Macht”) erworben.

Wir können dies anhand archäologischer Funde nachvollziehen, dort wo Waffen, Boote und menschliche Überreste in skandinavischen Sümpfen und Seen gefunden wurden. Perfekt nutzbare Waffen von hoher Qualität und ebensolche Ausrüstung wurde zerstört und Gefangene wurden exekutiert und in einen heiligen See geworfen oder an einem heiligen Baum aufgeknüpft. Die Beute wurde den Göttern übergeben. Die Sieger hatten sich nach der Schlacht entschieden so zu handeln, anstatt die Waffen ihrer getöteten Feinde als Kriegsbeute an sich zu nehmen oder zu verkaufen und anstatt die Gefangenen als Sklaven zu benutzen oder zu verkaufen, weil sie Óðinn um Hilfe beim Gewinnen des Kampfes gebeten hatten. Wahrscheinlich zerstörten sei die ganze Ausrüstung, um sicherzugehen, dass niemand sie bergen würde oder vielleicht um sie auf symbolische Art zu „töten“ und auf diese Weise für die Götter benutzbar zu machen, die „im Reich der Toten“ leben.

Es gibt sogar ein allgemein bekanntes historisches Beispiel dafür. Herman (Arminius) der Cherusker führte im Jahr 9 einen germanischen Widerstand gegen eine römische Invasion von Germanien östlich des Rheins an. Offenbar exterminierten sie zwei von drei ganzen römischen Legionen und erhängten nach dem totalen Sieg mehr als 10.000 Römer an den Bäumen des Teutoburger Waldes in Westfalen auf, als Opfer für Óðinn (oder Wōþanaz, wie sein Name zu dieser Zeit war). Dieses recht brutale Vorgehen beugte einer römischen Eroberung des ostrheinischen Germaniens vor und die Römer waren danach nicht allzu scharf darauf weitere Legionen zur Eroberung zu senden.

Wenn diese germanischen Stämme nicht Óðinn um Hilfe gebeten hätten, dann hätten sie die Gefangenen als Sklaven nutzen oder verkaufen können (etwas, das in der Antike allgemeine Praxis war). Den Sieg verdankten sie aber Óðinn, also gehörte alles ihm, dem Hangatý (“Gott der Gehenkten”, einer von Óðinns Spitznamen).

Wenn (alle) Heiden Opfer während der Hohen Festtage darbrachten, dann war es ihnen nicht gestattet um spezielle Gefallen der Götter zu bitten, man tat dies, um die Bande zu den Göttern zu stärken. Daher war ein Opfer im heidnischen Skandinavien als blot (“Blut”, “stärken”) bekannt. Wenn man Besucher hat, dann gewährt man ihnen Gastfreundschaft und serviert ihnen Essen und Getränke. Am Jule Abend besuchten die Götter die Lebenden zusammen mit den Elfen („ewig“, die Geister der Toten), die sie aus dem Himmel mitbrachten. Obwohl Heimdallr, Þórr oder Óðinn die Prozession der Götter und Geister anführen soll – die als Oskorei (“Armee des Donners”) bekannt ist – waren die anderen Götter ebenfalls anwesend. Um Teile des Essens für die Oskorei zugänglich zu machen hängten sie Kuchen und anderes Essen in die Bäume (das heißt sie „töteten“ sie, um sie für die Toten benutzbar zu machen) und sie brieten Fleisch über den Erdhügeln, damit die Toten sich willkommen fühlten und sie tranken und aßen, um die Götter zu ehren. Sie machten sogar ihre Betten besonders sorgfältig am Jule Abend und schliefen dann auf dem Boden, damit die Gäste aus Ásgarðr in den Betten der Lebenden gut schlafen konnten.

Das Bankett wurde nicht gehalten, um für ein gutes und friedliches Jahr zu bitten, sondern um den Göttern für den Frieden und Wohlstand zu danken, die sie im kommenden Jahr zu geben entscheiden würden. Sie ließen die Götter entscheiden, was sie verdienten und dankten ihnen für was immer sie von ihnen bekommen würden, sei es viel oder wenig. Die anderen Opfer des Jahres dienten dem gleichen Zweck; den Göttern zu danken für jedes Schicksal, das sie entschieden geschehen zu lassen. Es war relativ sinnlos um spezielle Gefallen zu bitten, weil – wie ich oben sagte – was auf diesem Wege errungen wurde gehörte der Kraft an, die beim Erringen geholfen hatte. Solche Extra- Errungenschafen mussten der Kraft gegeben (geopfert) werden, die ihnen geholfen hatte, oder sie würden von schlechtem hamingja (“Karma”) verolgt werden.

Wir alle erhalten Gaben von den Göttern, für die wird den Göttern an den hohen Festtagen danken (sollten). Wir zeigen Respekt gegenüber den Göttern, wenn wir einfach unsere Schicksale akzeptieren und für jede Gunst, die unseren Weg kreuzt, dankbar sind, während wir unser Bestes geben. Trúa á mátt sinn ok megin war also in anderen Worten nicht ein Mangel an Glauben in die Götter, sondern eher komplettes Vertrauen in sie (es war Ásatrú: “Glaube an die Æsir”, “vertrauend auf die Æsir”). Diese Heiden erwarteten keine speziellen Gefallen von den Göttern, sondern hießen jegliches Schicksal, das ihnen begegnete, willkommen. Sie verließen sich auf das, was die Götter und der Zufall (Schicksal) ihnen von Geburt an mitgegeben hatten: ihre eigene Stärke und Macht.

Die heidnische Philosophie ist mit dem Sprichwort “jeder Mann bekommt, was er verdient” gut umschrieben. Wenn man um etwas Zusätzliches bittet, für mehr, dann muss man dafür bezahlen, auf die eine oder andere Weise. Wenn man es nicht selbst annulliert (indem man das zusätzlich Erhaltene den Göttern gibt), wird das „Falsche“ und „Ungerechte“ des Zusatzgefallens durch schlechtes hamingja kompensiert- ganz in Übereinstimmung mit dem heidnischen Rechtsverständnis. Die Götter werden die Balance selbst wieder herstellen, auf die eine oder andere Weise, und das schlechte Karma kann einen dort heimsuchen, wo man es am Wenigsten erwartet. Jeder Mann bekommt, was er verdient. Nicht mehr, nicht weniger. Um Zusatzgeschenke zu bitten ist ein riskantes Geschäft.

Die Sitte, die Götter außerhalb der Feste um Gefallen zu bitten, die meist in der späten heidnischen Ära oder im Falle Südeuropas auch schon in der Antike auftrat, ist einfach religiöse Dekadenz und sollte von modernen Heiden nicht als Vorbild verwendet werden. Die extremste religiöse Dekadenz und Dummheit wäre das Gebet: Ein gutes Opfer an Zeit und (oft egozentrischen) Gedanken, mit der Intention die Götter dazu zu bringen den Wunsch der betenden Person zu erfüllen. Das ist nicht nur sehr respektlos in dem Sinne, dass der Betende ja ausdrückt, er wisse es besser als die Götter: es ist auch verrückt die Götter darum zu bitten das Schicksal von jemandem zu ändern –  und sie auf diese Weise zu bitten diese Person vom Sinn ihres oder seines Lebens abzuschneiden. Was immer in unseren Leben geschieht ist vorherbestimmt, warum sollten wir das ändern wollen?

Wir sollten niemals die Macht des Opfers missbrauchen. Nebenbei, nur die Initiierten, die durch die Initiationsmysterien gegangen waren konnten mit den Göttern kommunizieren, also ist Beten nutzlos so lange man nicht durch die heidnischen Initiationsmysterien gegangen ist. Normale, nicht initiierte Menschen, können auf keine Weise mit den Göttern kommunizieren.

Sie kennen die asamál (“Sprache der Götter”) nicht und haben die Schlüssel zu ihrem Reich nicht. Sie kennen die Runen („Geheimnisse“) nicht.

Was man in diesem Leben nicht erlebt muss man im nächsten Leben erleben, daher ist die Vermeidung des eigenen Schicksals ohnehin ein sinnloses Unterfangen. Egal wie schrecklich es ist, wie ungerecht es einem erscheinen mag und wie sehr man wünscht ein anderes Leben zu führen. Man muss sein Schicksal akzeptieren und das der anderen Menschen auch. Wie Julius Cäsar es sagte: amor fati („Liebe Dein Schicksal“), und versuche es nicht durch sinnlose Opfer oder Gebete zu ändern. Beeinflusse das Leben und die Welt nur durch mátt sinn ok megin!

Wenn die Situation nicht sehr speziell ist oder man bereit ist den Preis zu bezahlen und im Nachhinein zu zerstören, sollten wir, angeleitet von den Initiierten, nur Opfer bringen, um den Göttern für alles, was sie uns gegeben haben, zu danken. Sei es Regen oder Sonnenschein, Elend oder Wohlstand, schlechtes oder gutes Karma. Alles hat einen Sinn – und jeder Mann bekommt, was er verdient.

Wie auch immer, ich muss betonen, dass ein so genanntes hartes Schicksal nicht als „Strafe“ vergeben wird (und kann ergänzen, dass Strafe ein Begriff ist, welcher der heidnischen Philosophie fremd ist), sondern um uns zu ermöglichen auf lange Sicht zu wachsen, prosperieren und zu blühen. Es wird vergeben, damit wir stärkere, bessere und noblere Menschen werden. Alles Elend im Leben ist eine Gelegenheit besser (gereinigt) zu werden und keine Strafe. Nur das Elend, dem wir ins Auge sehen, bringt uns näher zu den Göttern. Nebenbei: Das „Böse“ in unserer Welt eröffnet dem „Guten“ die Möglichkeit seine Pflicht zu tun.

Wir alle sind verantwortlich für unser eigenes Leben, in dem Sinne, dass wir für uns selbst entscheiden, was wir mit ins Grab nehmen, wenn wir sterben – wie „weiß“ (rein) wir sind, wenn wir sterben. Wass wir lernen, was wir bestehen müssen im Leben ist entschieden worden, lange bevor wir geboren wurden. Es wurde entschieden von unserer Vergangenheit (das heißt von unseren früheren Leben). Wir sind immer verantwortlich für die eigene Vergangenheit und daher sind wir verantwortlich dafür, was wir heute sind. Wir alle bekommen, was wir verdienen.

Der Glaube an die Götter und an den freien willen und der Glaube an das Schicksal erscheint paradox, aber er ist nur ein Resultat der Tatsache, dass die Götter alles zu verbessern trachten, während die Gesetze der Notwendigkeit dagegen Widerstand leisten. Die Menscheit balanciert zwischen dem freien Willen der Götter und den Gesetzen der Notwendigkeit.

Es gibt tatsächlich viele Paradoxa im Universum und die Menschheit ist eines davon: Wir sind irdische und göttliche Kreaturen zugleich: Unsere Körper kommen von Jord (norwegisch Jorð, “Earth”), Mutter Erde, aber unsere Geister (oder so genannten “Seelen”) kommen von Bore (norwegisch Búri, “geboren”), dem Himmelsgott – und während der Geist sich nach der Heimat (Ásgarðr) sehnt, hält der Körper ihn auf Erden und er wird das weiter machen, bis wir genügend gereinigt und verbessert worden sind.

Varg Vikernes

Januar 2005

Via purgativa et illuminativa

(Der Weg der Reinigung und Erleuchtung)

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