Die Deutschen Philosophen – Teil 4: Nietzsche

 von Skeptizissimus und Kairos

Alpha (Skeptizissismus)


“Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber erhalten, so darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt”. Also sprach Zarathustra

Dieser Beitrag ist nicht als umfassende Einführung in die Philosophie Nietzsches gedacht. Er versucht vielmehr, herauszuarbeiten, welche Gedanken Nietzsches von besonderer Relevanz für den Freiheitskampf der Deutschen sind. Folgende Schritte werden nachvollzogen:

1)       Eine kurze biographische Kontextualisierung
2)       Eine Charakterisierung von Nietzsches Denkweise
3)      Die Entwicklung seiner Philosophie in groben Zügen
4)      Werke mit besonderer Relevanz für unsere Sache: Die Geburt der Tragödie und Zur Genealogie der Moral

Lebensumstände und Triebfedern seines Denkens

Nietzsche wurde 1844 in Röcken (Sachsen-Anhalt geboren) und starb 1900 in Weimar. Ab 1889 verbrachte er sein Leben in geistiger Umnachtung, wahrscheinlich wegen einer Erbkrankheit, möglicherweise in Verbindung mit Syphilis. Fünf bedeutende Erlebnissphären seines eigenen Lebens lassen sich als Antriebsfedern seines Denkens erkennen. Alle sind miteinander verknüpft:

Das religiöse, protestantische Familienumfeld (Pastorenfamilien mütterlicher- und väterlicherseits). V.a. im Spätwerk ist das Christentum der ständig präsente Hintergrund von Nietzsches Denken.

Eine beengende Familienkonstellation nach dem frühen Tod des Vaters aufgrund der Dominanz von Mutter und Schwester bewirkte ein großes Freiheits- und Abgrenzungsbedürfnis und dürfte mit ein Grund für Nietzsches Leben als Junggeselle gewesen sein. Obwohl er natürlich unvermeidlich auf den Gedanken anderer aufbaut, ist Nietzsche der „einsamste“, d.h. der originellste und mutigste Denker. Christliche und „weibliche“ Werte und Denkweisen werden systematisch hinterfragt.

Die Ausbildung zum klassischen Philologen (Berufung zum außerordentlichen Professor nach Basel 1869 – 24-jährig –, vorzeitige Pensionierung aus Gesundheitsgründen 1879) prägt seine Denk- und Vorgehensweise, was in seinen systematischsten Arbeiten (Genealogie der Moral) am deutlichsten sichtbar wird. Griechische und römische Antike (besonders die Vorsokratiker) bilden stets den Hintergrund eines „goldenen“, „gesunden“ Zeitalters, der es erlaubt, die jeweiligen Dekadenzerscheinungen von Sokrates und dem Platonismus über das Christentum bis zu den „modernen Ideen“ (Sozialismus und Demokratie) zu erkennen.

Krankheit. Aufgrund chronischer und äußerst schmerzhafter Beschwerden (Augenleiden, Kopfschmerzen, Übelkeit, Anfälle) werden Gesundheit und Kraft für Nietzsche zu höchsten Idealen und Grundbegriffen seines Denkens, welches stets den eigenen Fall in Analogie zu Kultur und Gesellschaft sieht.

Musikalität; Musik als Lebenselixier. Während Schopenhauer in ihr eine Erlebnissphäre sieht, die über die die materielle Welt der Phänomene und das vernunftmäßig zu Begreifende hinausgeht und dadurch Erlösung vom Leiden unter dem (Welt)Willen ermöglicht, sieht Nietzsche in ihr eine Ausdrucksform des „Dionysischen“ (siehe die Ausführungen über Die Geburt der Tragödie weiter unten), einer Urkraft, die verschüttet ist und wieder freigelegt werden muss, um ein gesundes Verhältnis zum „Willen zur Macht“ zurückzugewinnen und diesen ausleben zu können.

Denkweise und Standpunkte

Bezeichnend für Nietzsches Denkweise ist sein Misstrauen gegenüber Denksystemen (Kant, Hegel, Schopenhauer, Marx), welches sich maßgeblich seiner philologischen Schulung verdankt. Sprachvergleich und Einblicke in die Sprachgeschichte führen zu der Erkenntnis, daß wir nur mit und durch das Instrument der Sprache denken können und daß damit sprachliche Strukturen uns vorgeben, wie wir die Wirklichkeit in Worte fassen und denken. Da unterschiedliche Sprachen, welche zudem einem zeitlichen Wandel unterliegen, automatisch unterschiedliche Denkweisen und Perspektiven ergeben, erfordert jedes Philosophieren eine Grundskepsis gegenüber dem System und Instrument Sprache und damit gegenüber dem eigenen Denken und der eigenen Wahrnehmung. Dem entsprechend baut Nietzsche nicht wie Kant, Hegel, Schopenhauer und Marx Gedankengebäude bzw. –systeme auf, sondern er analysiert bzw. seziert. Seine Gedankenoperationen lassen sich am besten als ein Ein- und Durchdringen beschreiben; er versucht, unter die Oberfläche und hinter die Fassaden zu schauen – symptomatisch äußert sich dies durch eine oft explizit ausgedrückte Wertschätzung der Tiefe und des Tiefsinnigen. Der einzige Fixpunkt bei Nietzsche ist dabei „das Leben“, welches natürlich immer nur als eigenes Leben erfasst werden kann, und dies ist der Grund, weswegen seine Philosophie so interessant für den Freiheitskampf der Deutschen ist (und ganz allgemein viel spannender als bei den Systemphilosophen und dabei immer aktuell und relevant). Nietzsche überprüft in seinen Werken alles Gedankliche und Ideologische auf seinen Nutzen bzw. Schaden im Hinblick auf Gesundheit und Kraftentfaltung, wobei eben die Position, daß er dies als Deutscher (bzw. deutscher Individualist – hier gibt es eine Grundspannung) tut, dafür sorgt, daß seine Gedanken trotz eines starken Widerwillens gegen alle Parteilichkeit (auch Vereinsmeierei bzw. das Gemeine der Gemeinschaft) oft eine implizite politische Relevanz haben. Wir leiden unter denselben schädlichen Einflüssen, unter denen Nietzsche litt, und wir werden von denselben Kräften manipuliert, deren Wirken Nietzsche aufdeckte: Sokratismus bzw. Platonismus, Judentum als Prinzip und Verkörperung der Herrschaft des Ressentiments, paulinisches Christentum als raffinierte Ausgeburt dieses Ressentiments, Sozialismus und Demokratie (inklusive „Menschenrechte“ etc.) als Ausgeburten und Facetten dieser Kräfte. Nietzsches Verdienst ist es, offengelegt zu haben, inwiefern sich diese Kräfte hinter dem scheinbar Unpolitischen, dem Alltäglichen bzw. Menschlich-Allzumenschlichen und den „höchsten Werten“ verstecken. Den oben beschriebenen Erkenntnissen und der Dynamik des Denkens entspricht als bevorzugte Ausdrucks- und Operationsform der Aphorismus, d.h. der kurz und prägnant formulierte Gedanke, der oft als Paradox, Frage oder polemische Zuspitzung erscheint.

Die Entwicklung seiner Philosophie

Nietzsches erste philosophische Veröffentlichung, Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik (1872), enthält bereits, wie er selbst im Rückblick erkennt, den ganzen Nietzsche: Erkenntnis und Analyse eines Krankheitsdefizits (einer Dekadenzerscheinung – des Sokratismus) und Versuch, eine Therapie zu entwickeln (durch Hinwendung zum „Dionysischen“). Folgende Jugendschwächen nennt Nietzsche selbst: Eine umständliche, unbeholfene Sprache in Form des damaligen Gelehrtendeutschs (es handelt sich noch um eine quasi akademische Arbeit, die halb akademisch-philologischer Natur ist), Zugeständnisse an den Zeitgeist in Form eines vom Sieg gegen Frankreich und der Reichsgründung berauschten Nationalgefühls (welches Geistesschärfe entgegensteht und mitverantwortlich dafür ist, daß die Deutschen sich übertölpeln ließen), unkritische Bewunderung Wagners und seines Kunstverständnisses – mithin ausstehende Emanzipation und Selbsterkenntnis (was dem Werk aber nichts von seiner Genialität und Bedeutung nimmt).

Die vier Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873-76) sind u.a. eine Reaktion auf das Unverständnis, daß seine erste philosophische Schrift hervorrief und auf zunehmende eigene Ablehnung des Zeitgeists. David Strauß der Bekenner und der Schriftsteller: Eine Abrechnung mit dem bildungsbürgerlichen Philister in Form einer Polemik gegen den seicht-dümmlich aufklärerisch-gutmenschlichen David Strauß (sehr erheiternd!). Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben: Ein kritischer Blick auf die obsessive Fixierung auf die Königsdisziplin der deutschen Geisteswissenschaft im 19. Jahrhundert. Schopenhauer als Erzieher und Richard Wagner in Bayreuth: Ein Tribut an zwei Vorbilder, von denen Nietzsche sich in Verlauf zunehmend distanziert und deren Einfluss er schließlich als verderblich bewerten wird.

In Menschliches, Allzumenschliches (1878, mehrfach ergänzt in den Folgejahren bis 1886) schlägt sich u.a. Nietzsches Beschäftigung mit den frz. Moralisten (besonders geschätzt: der Aphoristiker La Rochefoucauld) und der frz. Aufklärung nieder. Während die Aufklärung zuvor als antidionysisch betrachtet wurde, lehnt Nietzsche sich nun an sie an, indem er Gemeinplätze, Irrglauben und psychologischen Selbstbetrug entlarvt. Als Beispiel einige der kürzesten Aphorismen:

76. Der Asket. – Der Asket macht aus der Tugend eine Noth.

185. Paradoxien des Autors. – Die sogenannten Paradoxien des Autors, an welchen ein Leser Anstoss nimmt, stehen häufig gar nicht im Buche des Autors, sondern im Kopfe des Lesers.

187. Die Antithese. – Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrthum zur Wahrheit schleicht.

Die thematische Ordnung der Aphorismen, unter denen sich auch längere (fast kleine Essays) befinden, verweist auf für N. typische Themen: 1. Von den ersten und letzten Dingen, 2. Zur Geschichte der moralischen Empfindungen, 3. Das religiöse Leben etc.

In Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile (1881) und Die fröhliche Wissenschaft (1882) findet Nietzsche, angetrieben durch schmerzhaftes Leiden und verzweifeltes Streben nach Gesundheit, zu sich selbst. In hunderten Aphorismen wird die Grundlage für Gedanken erarbeitet, die in den nachfolgenden Werken systematisch dargestellt werden.

Also sprach Zarathustra (1883-1885) wird von Vielen als bedeutendstes Werk Nietzsches angesehen. Es handelt sich um eine philosophische Dichtung, die sich Sprache und Vorgehensweise religiöser Texte zueigenmacht, die also als „heiliges Buch“ konzipiert ist. Verkündet wird in ihr die Lehre vom „Übermenschen“, wobei es sich um einen oft zitierten und ebenso oft falsch interpretierten Begriff handelt. Die Idee des Übermenschen ist als Antwort auf den Nihilismus, d.h. die Verkümmerung des menschlichen Willens und der menschlichen Vitalität bzw. das Phänomen des erschlafften und kleinmütigen Menschen, der nichts mehr anstrebt und nichts mehr will, gedacht. Der Übermensch ist also ganz im Sinne religiöser Texte eine Art Parabel, die ausgelegt werden muss und der im Rahmen eines auch literarischen Texts eine gewisse Vieldeutigkeit zu eigen ist; auf jeden Fall ist mit dem Übermenschen keine konkrete Menschenrasse gemeint. Anzumerken ist allerdings, daß Nietzsche die Existenz von Rassen und auch deren „Züchtung“ im Sinne eines organisch-automatischen Strebens zu mehr Machtentfaltung als Tatsache ansieht. Erfolgreiche Züchtung wird auch durch Werte und Strukturen in Kultur und Gesellschaft gewährleistet; als Beispiele für „Raubtiere“ und „vornehme Rassen“ nennt er in Zur Genealogie der Moral (Abschnitt 11) „römische[n], arabische[n], germanische[n], japanesische[n] Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger“. Also sprach Zarathustra ist jedoch eine Dichtung und operiert auf einer anderen Ebene.

Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887) zähle ich zu Nietzsches scharfsinnigsten Texten. Für uns sind sie interessant, weil sie systematische und konkrete Fälle analysieren, die uns betreffen (siehe unten).

Das im letzten Jahr vor dem Zusammenbruch entstandene Spätwerk (Götzendämmerung, Der Antichrist, Ecce homo) stellt eine Zuspitzung bereits zuvor gesammelter Erkenntnisse da, oft in polemischer Form. Eine gewisse Überspannung (v.a. in der Selbstbeschreibung in Ecce homo) ist deutlich erkennbar, dafür finden aber auch viele Gedanken meisterhaft und in kürzester und prägnantester Form ihren Ausdruck.

Der Nachlass wurde unter dem Titel Der Wille zur Macht veröffentlicht.

Werke mit besonderer Relevanz für unsere Sache

a)                  Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik

Was hat es auf sich mit der im Titel angezeigten Verbindung von Tragödie und Musik? Nietzsches erstes gewichtiges philosophisches Werk wird von dem Hintergedanken geleitet, der Ästhetik des Musikdramas Richard Wagners eine höhere, philosophische Legitimierung zu verleihen. Vor dem Hintergrund der Griechenlandbegeisterung des 19. Jahrhunderts wäre der höchste Lorbeer für Wagner, beanspruchen zu können, mit seinem Opernschaffen eine Wiedergeburt des griechischen Geistes im Schoße der deutschen Kultur bewirkt zu haben (man beachte die Analogie zur Idee des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation). Soviel zu (einem Teil des) Entstehungskontext(s), den Nietzsche im Rückblick selbst kritisch betrachtete. Daneben birgt das Werk aber äußerst scharfsinnige und wertvolle Gedanken:

Nietzsche geht davon aus, daß der Ursprung der griechischen Tragödie in den Dionysosriten der vorsokratischen Zeit zu suchen ist: In diesen Riten wurde des Leiden dieses Gottes gedacht, der nach einer mythologischen Variante von den Titanen zerstückelt, gekocht und verzehrt wurde. Auf den rituellen Ursprung weise v.a. der Chor hin, welcher ein Relikt der ursprünglichen Teilnahme aller Anwesenden an dem gemeinsamen Ritual sei. Den Sinn des ursprünglichen Ritus und damit auch der ursprünglichen Tragödie deutet Nietzsche als Bejahung des Leidens (verkörpert durch den Gott) als notwendigen Teil des Lebens. Dementsprechend wäre die Tragödie in ihren Anfängen Ausdruck einer unbedingten Lebensbejahung und einer mannhaften, unerschrockenen Haltung der unvermeidlichen Tatsache des Leidens gegenüber (und die Dramentheorie des Aristoteles folglich eine Fehlinterpretation). Während zunächst also das rituelle, orgiastische Element überwogen habe (Chor und Musik), habe dann mit der Zeit und zunehmendem Einfluss künstlerischer Ausgestaltung das formend-darstellende Element überhand gewonnen, welches dem Prinzip des Gottes Apollon entspricht. Mit der Verdrängung dieses Elements und der zunehmenden Dominanz – N. sieht diesen Schritt mit Euripides vollzogen – sei auch das Leiden verdrängt worden. Der Wandel der Tragödie wäre somit Symptom einer zunehmenden (Über)zivilisierung und Verweichlichung, der eine oberflächliche Fixierung auf den Intellekt und eine Ausblendung der unangenehmen Seiten der menschlichen Existenz entspricht. Wir können von Dekadenz sprechen. Das Gleichgewicht der Prinzipien Apollon und Dionysos ist zerstört. Als bezeichnende Verkörperung dieser Tendenz sieht Nietzsche die Figur des Sokrates. Die unnatürliche Fixierung auf den Verstand und damit die Abkehr vom Mythos, welcher (v.a. in Form des Dionysosmythos) die Verbindung des Menschen zum Urgrund des Seins gewährleistet, wird demensprechend als Sokratismus bezeichnet. Endprodukt dieser Entwicklung ist der moderne Mensch:

Man denke sich eine Cultur, die keinen festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und von allen Culturen sich kümmerlich zu nähren verurteilt ist – das ist die Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und wühlend nach Wurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alterthümern nach ihnen graben müsste. Worauf weist das ungeheure historische Bedürfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen Mutterschoosses (S. 146 in der dtv-Ausgabe)?

Warum ist diese Erkenntnis (bzw. der Kern dieses Gedankens, der meiner Meinung nach unabhängig der Haltbarkeit der einzelnen Details zutrifft) wichtig für uns? Als „moderne Menschen“ sind wir leicht irrezuleiten und zu manipulieren. Wir laufen Gefahr, den Bezug zu unseren Wurzeln und unsere Wehrhaftig- und Standfestigkeit zu verlieren. Wir sind ängstlich. Je sicherer das Gefühl einer Verwurzelung mit dem Urgrund des eigenen Wesens ist – das in unserem Fall entscheidend durch unser Deutschsein mitdefiniert wird –, umso stärker werden wir sein.

Wie gesagt sah Nietzsche zunächst Richard Wagner als Propheten des Dionysos, der durch sein neuartiges Musikdrama an die ursprüngliche griechische Tragödie anknüpft und damit die ganze deutsche Kultur, den deutschen Geist befruchtet. Mit fortschreitender Entwicklung sah N. sich selbst als Prophet dieses Prinzips, und kurz vor dem Zusammenbruch identifizierte er sich gar mit dem Gott selbst. Angesichts der totalen Dekadenz unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die teils das Ergebnis unserer Umerziehung ist, die unsere weitere Umerziehung bzw. ständige Manipulierung aber ebenso erst ermöglicht, ist Nietzsches Modell eine wertvolle Ausgangsbasis, um zu einem Bewusstseinswandel zu gelangen.

b)                 Zur Genealogie der Moral

Nachdem Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse (v.a. im Abschnitt Was ist vornehm?) bereits Wesen und Erscheinungsformen des Aristokratischen vor dem Hintergrund der immer stärker werdenden Pöbelherrschaft (Demokratie und Sozialismus) erschlossen hat, folgt in der Genealogie der Moral die Erklärung, wie es in der christlich (bzw. jüdisch!) geprägten Welt zu solch einer Entwicklung kommen konnte. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Entwicklung ist ein Paradigmenwechsel auf dem Gebiet der Moral, d.h. der höchsten Werte.

Nach Nietzsche waren zunächst allein die Starken, Erfolgreichen, Mächtigen und Wohlgeratenen in der Lage, Werte zu prägen und diese allgemein verbindlich zu machen. Es sollte nicht erstaunen, daß im Zentrum des entsprechenden Wertesystems diese Privilegierten bzw. diese Aristokratie bzw. diese geborenen Herrenmenschen selbst standen. Dies ist auch etymologisch sehr plausibel: In Wörtern wie „gut“, „good“ etc. erkennt man klar die Verwandtschaft zu „Gott“, „God“ etc. Nietzsche folgert: Es handelt sich um den germanischen Krieger, den freien Mann, den Gottgleichen (er allein hat Zugang nach Walhalla). Wie sieht nun der Gegenpol zu diesen urtümlich „guten“ Menschen aus? Der freie, ehrenhafte Krieger achtet einen richtigen Gegner, welcher unausweichlich seinesgleichen sein muss und der damit ebenfalls „gut“ ist. Alles andere ist nichtiges Gewürm bzw. schwache Existenzen, die dem Krieger nicht das Wasser reichen können und die dementsprechend auch nicht zur Herrscherkaste bzw. zur Aristokratie gehören, sondern ein Leben irgendwo im Bereich zwischen Sklave, Knecht und Pachtbauer führen. Die Einstellung des Kriegers zu dieser Klasse Mensch findet in dem Wort „schlecht“ ihren Ausdruck. „Schlecht“ erhielt erst relativ spät seine stark abwertende Bedeutung; zunächst war es eng an seine Wurzel „schlicht“ (der einfache, schlichte Mann gegenüber dem freien, (selbst)herrlichen Krieger) gebunden. Wir können diesen Ursprung noch in Wörtern wie „schlechtweg“ erkennen.

Dieser quasi urgermanische Antagonismus zwischen „gut“ und „schlecht“, der heutzutage fast nur noch in Qualitätsfragen fortlebt, wurde unter im Folgenden näher zu bestimmenden Umständen durch den Antagonismus „gut“ und „böse“ verdrängt bzw. überschattet. Letzeres Begriffspaar ist N. zufolge vollkommen ungermanisch bzw. wird sie von ihm als Sklavenmoral bezeichnet. Wie kam es dazu?

N. sieht den Ursprung der Sklavenmoral im Christentum, welches er seiner Entstehungsgeschichte entsprechend als Frucht des jüdischen Ressentiments bezeichnet. In Gestalt der Römer standen die Juden ohnmächtig der stolzesten, mächtigsten und herrlichsten Art Mensch gegenüber, die (nach N.) je auf diesem Planeten zu finden war. Ohnmacht und die nicht abzustreitende Tatsache eigener Schwäche riefen unbändigen Hass, von N. als Ressentiment bezeichnet, hervor. Die perfide Blüte dieses Hasses ist der „Sklavenaufstand der Moral“, welcher durch die christliche Lehre vollzogen wird. Erster Schritt: Der verhasste – starke und mächtige – Gegner wird als „böse“ (verworfen, schlecht und ungerecht aus Vorsatz) empfunden und bezeichnet; die Stärke und Macht ist nunmehr böse. Zweiter Schritt: Zu diesem Gegenpol bzw. Feindbild wird nun der eigene Standpunkt als „gut“ entworfen: Den Schwachen, Armen und Wehrlosen gehört das Himmelreich. Hier Nietzsches Beschreibung wie Ideale fabrizirt werden (ich zitiere aus der Online-Version des Gutenberg-Projekts):

– »Und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur »Güte«; die ängstliche Niedrigkeit zur »Demuth«; die Unterwerfung vor Denen, die man hasst, zum »Gehorsam« (nämlich gegen Einen, von dem sie sagen, er befehle diese Unterwerfung, – sie heissen ihn Gott). Das Unoffensive des Schwachen, die Feigheit selbst, an der er reich ist, sein An-der-Thür-stehn, sein unvermeidliches Warten-müssen kommt hier zu guten Namen, als »Geduld«, es heisst auch wohl die Tugend; das Sich-nicht-rächen-Können heisst Sich-nicht-rächen-Wollen, vielleicht selbst Verzeihung (»denn sie wissen nicht, was sie thun – wir allein wissen es, was sie thun!«). Auch redet man von der »Liebe zu seinen Feinden« – und schwitzt dabei.«
– Weiter!
– »Sie sind elend, es ist kein Zweifel, alle diese Munkler und Winkel-Falschmünzer, ob sie schon warm bei einander hocken – aber sie sagen mir, ihr Elend sei eine Auswahl und Auszeichnung Gottes, man prügele die Hunde, die man am liebsten habe; vielleicht sei dies Elend auch eine Vorbereitung, eine Prüfung, eine Schulung, vielleicht sei es noch mehr – Etwas, das einst ausgeglichen und mit ungeheuren Zinsen in Gold, nein! in Glück ausgezahlt werde. Das heissen sie »die Seligkeit.«

Wohlan: Wenn Sklaven ihr Leben besser ertragen, indem sie so denken, soll uns das Recht sein. Fatal ist allerdings, daß diese Denkweise sich mit dem Christentum in ganz Europa ausgebreitet hat und damit die ganzen Folgeperversionen bis zu Pöbelherrschaft, Sozialismus, Gutmenschentum und „Toleranz“ ermöglicht hat. Wir wurden vergiftet:

»Die Herren« sind abgethan; die Moral des gemeinen Mannes hat gesiegt. Man mag diesen Sieg zugleich als eine Blutvergiftung nehmen (er hat die Rassen durch einander gemengt) – ich widerspreche nicht; unzweifelhaft ist aber diese Intoxikation gelungen. Die »Erlösung« des Menschengeschlechtes (nämlich von »den Herren«) ist auf dem besten Wege; Alles verjüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends (was liegt an Worten!).

Ich denke, die Verbindungen zu den Erkenntnissen über unsere gegenwärtige Manipulierung durch eine ganz bestimmte identitäre Gruppe sind offensichtlich.

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Weitere Lektüre:

Ich empfehle v.a. die Originaltexte. Zu Nietzsche braucht man eigentlich keine Einführung. Lesenswert ist meiner Meinung nach aber Ernst Noltes Buch Nietzsche und der Nietzscheanismus, in dem er Nietzsches Fürsprache für das Leben dem Marxismus gegenüberstellt. Viele andere Bücher behagen mir nicht, weil sie zu sehr ins Biographische gehen.

Omega (Kairos)

„Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Der Antichrist, Aphorismus 2)

Als Antwort auf die wunderschöne Einführung von Skeptizissimus möchte ich ergänzen, wie Nietzsche seine in der Genealogie der Moral entwickelten Gedanken in seiner Schrift Der Antichrist – Fluch auf das Christentum weiterentwickelt und erläutern, warum ich im Gegensatz zu Skeptizissimus das Frühwerk Die Geburt der Tragödie für „nicht hilfreich“ für den Deutschen Befreiungskampf von heute halte (lesen darf man es trotzdem, aber lieber ohne politischen Anspruch).

a) Ich beginne mit der Geburt der Tragödie:

Die in dem Buch beschriebene idealistische Kunstwelt ist für Nietzsche nicht eine „willkürlich zwischen Himmel und Erde hineinphantasierte Welt,“(Geburt der Tragödie, Aphorismus 7), sondern die Darstellung der wahren Wirklichkeit, die Erlösung vom Schein der erscheinenden Welt durch den Schein der Kunst. Hierin folgt er Hegel, nur dass er statt des „Geistes“ eben einen alogischen Urgrund der Welt sieht, sein ästhetisch-metaphysisches Ding an sich ist das dionysische Unbewusste (vgl. Hegel, Ästhetik I, S. 22ff.).

Daraus folgt eine Abwertung der „alltägliche(n) Wirklichkeit,“ welche, nachdem man sich der Kunst hingegeben hat, mit „Ekel als solche empfunden“ wird.

Die Kunst ist nicht etwa zu unserer Besserung oder Bildung gedacht, wie zum Beispiel Schiller fordert (in: Über die ästhetische Bildung des Menschen, vgl. 16. Brief), sondern nur „soweit der Genius im Aktus der künstlerischen Zeugung mit dem Urkünstler der Welt verschmilzt“ ist „nur als ästhetisches Phänomen“ die Welt und das Dasein „ewig gerechtfertigt.“ (Aph. 5)

Dies ist der erste Versuch einer Biodizee in Nietzsches Werk.

Der Nihilismusforscher Lütkehaus erfindet (in seinem Buch mit dem spannenden Titel „Nichts“) zu der allgemein bekannten Theodizee („Rechtfertigung Gottes“ – die alte Frage, warum Gott das Böse zulässt, wenn er doch allmächtig und allgütig ist) eine Reihe weiterer -„…-dizeen“ hinzu. Die Biodizee ist die Frage nach der Rechtfertigung des Lebens, die Nietzsches gesamte Philosophie begleitet.

Die Welt und das Leben, als deren Urgrund das Leiden festgemacht wurde (v.a. durch Nietzsches Lehrer Schopenhauer), muss sich rechtfertigen vor dem Philosophen. Natürlich lässt sich die Welt, als nichtdenkende Entität, nicht auf die imaginäre Anklagebank setzen, so wie Leibniz das bequem mit dem personalen Gott machen konnte.

Obschon Gottes Tod in Nietzsches Werk noch aussteht (der wird erst in der „Fröhlichen Wissenschaft“ und im „Zarathustra“ kolportiert), ist von keinem mit spirituellen Transzendenzen angefüllten Himmel die Rede. Einem denkenden Gott könnte die Theodizee-Frage gestellt werden. Nietzsche braucht sich jedoch als Schüler Schopenhauers nicht erst ausdrücklich zum Atheismus bekennen.

Aber eine irrationale, nicht denkende Welt, wie sollte sie sich rechtfertigen? Ihr fehlt die Vernunft, die Grundlage einer Rechtfertigung und gerade das Fehlen dieses „Logos“ macht das Rechtfertigungsbedürfnis aus.

Der Atheismus hinterlässt eine gallige Leere, die Nietzsche durch die Apotheose der wagnerischen Kunst zu füllen versucht.

Wagner selbst schwebt die Idee eines alle Künste verbindenden Gesamtkunstwerkes vor. Alle Elemente, wie Musik, Sprache, Bewegung und Bild, sollen gleichrangig miteinander verschmelzen. In der Darstellung sind Vergangenheit und Zukunft durch Erzählungen, Berichte, Rückblicke und die Leitmotivtechnik bereits mit einbezogen. Das Orchester ist nun nicht mehr nur Begleitinstrument sondern Medium des Dramas. Durch die Leitmotivtechnik werden Hintergründe der Ereignisse oder auch emotionale Befindlichkeiten der Figuren geschildert und kommentiert. Die Leitmotive sind melodische Gebilde deren Zuordnung zu Figuren, Naturkräften, Gegenständen etc. eine semantische Funktion erfüllen. Von ihnen wird das ganze Stück umspannt. Die bis dahin praktizierte Aufteilung in Arien, Rezitative, Duette, Zwischenspiele und Finale wird aufgelöst, die gesamte Oper durchkomponiert. Das Musikdrama soll im Gegensatz zur herkömmlichen Oper kein nach Schema F produziertes Musikstück mit einer irgendwie angehängten Story sein, sondern eine mit allen Sinnen aufgenommene Erzählung, die natürlich auch etwas Mythisches hat. Wagner bindet den mythologischen Stoff in ein Drama ein (sich an mythologischem Stoff zu bedienen war nichts Neues, Wagner wollte aber aus dem Alten etwas Neues schaffen) und versucht eine Art Neue Mythologie zu gestalten, eine Art ästhetische Ersatzreligion

Diese „Religionsbildung“ durch eine Neue Mythologie lässt sich nicht nur bei Nietzsche (der nach seinem Bruch mit Wagner mit seinem „Zarathustra“ einen solchen Versuch unternimmt) und Wagner, sondern auch schon bei Goethes Faust, Schellings System des transzendentalen Idealismus (hier nur die Forderung danach) oder auch Phillip Mainländers in Vergessenheit geratener Philosophie der Erlösung entdecken. Die sogenannte Säkularisierung hinterlässt eine metaphysische Lücke, die aufgrund unseres ewigen Bedürfnisses nach Sinn und Halt irgendwie gefüllt werden will. Varg Vikernes weist in einem seiner „Heidentum-“ Texte (der in Kürze auf As der Schwerter erscheint) darauf hin, dass auch Fernsehen, Theater, Musical und Fußball nichts weiter sind als karger Abglanz der Feste und Orgien, mit welchen unsere Ahnen in der Alten Religion Kontakt zu den Göttern herstellten.

Ich glaube nicht (mehr) daran, dass wir vernünftelnd, sublimierend oder synkretisch eine Neue Spiritualität schaffen können. Entweder unser Zugang dazu ist archaisch und intuitiv (wie ich in Weißer Zorn und Vikernes in Heidentum an die Sache rangehen) oder ritualisiert und traditionell (der christliche Weg). Grundsätzlich scheint mir der Gedanke zu sein, dass kein wie auch immer gestaltetes „Produkt“ eine Chance gegen etwas natürlich Gewachsenes haben wird, sei es nun altheidnisch oder christlich.

Die ästhetische Biodizee und Schaffung einer Neuen Mythologie der frühen Phase Nietzsches ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Denn die Welt ästhetisch zu rechtfertigen, heißt im Grunde, sie gar nicht zu rechtfertigen (wer diesen Gedanken weiterverfolgen will, sollte versuchen an ein Exemplar von „Nichts“ heranzukommen. Das ist allerdings schwierig geworden, das Buch hat die Eigenschaft, seinem Titel alle Ehre zu machen. Ich konnte eine Ausgabe retten, aber ich schaue jeden Tag in mein Bücherregal, ob sie noch da ist).

b) Fortführung der Gedanken aus Genealogie der Moral im Antichrist:

Der Antichrist ist eine Schrift die von Hass trieft, manche sagen, auch von Wahnsinn. Ich habe irgendwo im Kommentarbereich mal die letzte Seite des Buches zitiert (mit Dauerbrennern wie „Gegen den Priester hat man keine Argumente – man hat das Zuchthaus!“). Ich habe vor einigen Jahren viel Zeit in die Analyse dieses Buches investiert und bin zu dem Schluß gekommen, dass es zwar stilistisch polemisch und emotional zu nennen ist, das seine Aussagen jedoch nicht relativiert.

Aus der Furcht vor dem Übermenschen, der in einzelnen Glücksfällen schon aufgetreten ist (dies widerspricht der Definition des „Übermenschen“ im Zarathustra, das sage ich hier nur für die Experten), sei eine kranke Gegenart „gezüchtet“ worden: Der Christ (vgl. Antichrist, Aphorismus 3). Die Religion, so Nietzsche, erschafft eine fiktionale Welt als Gegensatz zur Realität, aus Hass auf die Wirklichkeit, als Flucht vor der Wirklichkeit, da sie, oder besser, der Christ, an der Wirklichkeit leidet (Aph. 15).

 „Götter: Entweder sind sie der Wille zur Macht – und so lange werden sie Volksgötter sein – oder aber die Ohnmacht zur Macht – und dann werden sie notwendig gut…“ (Aph. 16)

Der germanische oder griechisch- römische Heide begreife seinen Gott als eigene Schöpfung, die ihm zu Nutzen sein soll. Die christliche Mission war, nach Nietzsche, ein Brechen der Barbaren, gleich dem Zähmen von Raubtieren, durch „krank machen“. Der Teufel erscheine als würdiger Feind für einen stolzen Heiden. Der christliche Gottesbegriff sei also eine Verminderung des Volksgottes, der gut und böse sein könne, der die Dankbarkeit eines starken, stolzen Volkes verkörpere.

Das Christentum verteufele die alten Götter, es gebe eine Umwandlung von einem Volksgott in einen Gott für die Armen und Schwachen jedes Volkes, was zu einer Reduktion des Göttlichen führe. Doch „er bleibt Jude“ (Aph. 17).

Nietzsche nimmt also an, dass das Christentum nur eine Umwandlung und Weiterentwicklung des Judentums ist.

Das Christentum sei aus dem  Judentum entstanden. Die Juden seien selbst schon geübte  Fälscher der Natürlichkeit, ihre ressentiment- Moral stehe gegenüber einer vornehmen, wie Nietzsche schon in der Genealogie der Moral ausführt.

Nietzsche bringt seine Meinung auf die einfache Formel: Christ = Jude hoch drei.

Die Verlogenheit des Evangeliums sei das Resultat der jüdischen Erbschaft. „Richtet nicht! Sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht.“  Der Christ sei nur möglich durch Übernahme und Verstärkung des jüdischen Instinktes (Aph. 44).

Der Symbolismus des Jesus von Nazareth dagegen sei von der Kirche missverstanden worden. Für Jesus bedeutete, so Nietzsche, Vater ein Vollendungs- Gefühl und Reich Gottes einen Zustand der Glückseligkeit im Jetzt, nicht im Tode. Die Umdeutung der Kirche verdrehte Gott zu einer Person und verlegte sein Reich ins Jenseits.

Mit Kirche ist hier Paulus, den Nietzsche als den Gründer der christlichen Kirche ansieht und seine Nachfolger, also der Klerus zu allen Zeiten, gemeint.  „Mit Paulus wollte nochmals der Priester zur Macht“ (Aph. 42).

Der Reduktion Gottes vom hilfreichen jüdischen Volksgott zum allgemeinen, gerechten Gott folge eine Verdrehung von Ursache und Wirkung. Lohn und Strafe Gottes seien eine widernatürliche Kausalität.

Dies sei das Ziel einer bewussten Fälschung der Priester. Was Gottes Wille genannt werde, offenbare sich als des Priesters Wille, es folge eine Umstellung der Weltordnung, so dass der Priester unentbehrlich werde. Geburt, Ehe, Krankheit und Tod, all diese Dinge würden  geheiligt, was bedeute: Wertlos gemacht. Der  Priester habe die Sünde seiner Schafe nötig, denn die Buße sei nichts anderes als Unterwerfung.

„Durch das Dogma von der unbefleckten Empfängnis hat die Kirche die Empfängnis befleckt!!!“ (Aph. 34).

Für einen Atheisten (wie ich es damals war) ist diese Schrift also ein wahrer Genuß, vor allem wenn er (wie ich damals) noch eine Rechnung mit Gott, bzw. mit der Kirche zu begleichen hat.

Nietzsche aber als „fehlgeleiteten“ Atheisten abzutun, wie viele Christen es tun (andere versuchen ihn gar – bis heute! – zu einem „Eigentlichchristen“ umzudeuten), fällt mir auch nach meiner „spirituellen Wende“ nicht ein, weil seine Analyse des paulinischen Christentums (wir haben uns ja auf As der Schwerter beinahe geeinigt, diesen Begriff zu verwenden, zumindest sollte jeder wissen, was gemeint ist) und vor allem seiner Herkunft doch sehr interessant bleibt. Seine Argumentation ist eben nicht atheistisch/ aufklärerisch- humanistisch, sondern religionspsychologisch. Wie Kollege Skeptizissimus oben ausgeführt hat untersucht er die Religion auf ihre Nützlichkeit für das Leben und findet im paulinischen Christentum nur Lebensfeindlichkeit, Unterdrückung des Vornehmen, Reinen, Edlen – und führt das auf jüdische Einflüsse zurück.

Daher würde ich – ganz grob gesprochen – in Hinblick auf unseren metapolitischen Kampf eher eine Beschäftigung mit dem Spät- als dem Frühwerk Nietzsches anempfehlen.

Auf jeden Fall scheint es mir geboten die Leser aufzufordern, nicht lange zu warten und sich schleunigst ein paar Ausgaben anzuschaffen oder gleich hier zu beginnen:

– der Antichrist

– Jenseits von Gut und Böse

 – Zur Genealogie der Moral

 – Alle Nietzsche Texte

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