Die Deutschen Philosophen – Teil 3: Schopenhauer

 von Kairos

„Man soll Judenthum nicht mit Vernunft verwechseln!“

Den meisten ist Schopenhauer als buddhistisch angehauchter, pessimistisch- esoterischer Philosoph bekannt. Seine nihilistische Willensmetaphysik vereint vermeintlich östliche Mystik mit westlichem Denken.

So ein Schmarrn!

Schopenhauer ist vor allem Kantianer. Er lässt in der Philosophiegeschichte nur zwei Vorgänger von sich zu: Platon und Kant. Seine Ästhetik beruht daher auf platonischen Ideen, seine Erkenntnistheorie und Metaphysik auf kantischen.

Das, was Kant das „Ding an sich“ nennt, das, was man nicht erkennen kann, ist nach Schopenhauer „der Wille.“ Damit meint er nicht den Willen eines Einzelnen, sondern die Urkraft des Lebendigen. Der Wille strebt immer nach „schneller, höher, weiter.“ Er ist ein blinder Drang, keine Intention.

So unwestlich an diesem Prinzip ist, dass alle westlichen Philosophen vor Schopenhauer so großen Wert auf die Vernunft und ihre Funktion als Ordnungsprinzip gelegt haben.

Ganz im Gegensatz zu Hegel, der die Vernunft als Urkern der Welt auffasst, ist Schopenhauers „Ding an sich“ einfach eine blinde Kraft – der Wille.

Das Wirkliche ist eben nicht vernünftig.

Schopenhauer ist, wie ich im Hegelartikel angedeutet habe, zusammen mit seinem Lehrer Schulze und auch mit Marx (der sich systematisch aber an Hegel orientiert) der skeptische Arm des Kantianismus.

Er wirft Kant vor, die Antinomie der reinen Vernunft (vgl. Teil 1) künstlich erschaffen zu haben. Natürlich, dies sei sonnenklar, könne es weder Anfang, noch Ende von Zeit und Raum geben. Nur weil die Juden sich eine Geschichte vom Anfang der Welt ausgedacht hätten, würde das noch nicht bedeuten, dass das auch vernünftig sei.

Wir sehen, wie Hegel und so ziemlich alle anderen Zeitgenossen war Schopenhauer kein Freund der Juden.

Auch Freiheit gebe es nicht, Gott sowieso nicht.

Das Leben verlaufe nach dem „Satz vom zureichenden Grunde“ (Kausalität), alles andere wäre „Vernünftelei.“ Schopenhauer lässt keinen Platz für idealistische Spekulation, bezeichnet sich selbst jedoch als Idealisten. Wie geht das?

Schopenhauer sagt ohne hegelianischen Knoten in der Zunge: Ohne Subjekt kein Objekt!

(Nach ermüdender langer Hegellektüre nehme ich oft Schopenhauer zur Hand, um mich ein wenig in seiner klaren Sprache zu sonnen. Zudem gibt es ca. auf jeder dritten Seite eine Hegelbeleidigung, was ich nach dem Lesen von Hegels Texten einfach manchmal brauche)

Die Welt ist das Produkt unseres Geistes insofern wir sie wahrnehmen. Nähme niemand die Welt wahr, würde auch niemand Aussagen über die Welt machen, die Welt wäre „nicht mehr da.“

Das ist Schopenhauers „Idealismus.“ Er ist aber kein Solipsist (Solipsismus – die Welt und die anderen Menschen existieren gar nicht, nur mein eigener Geist. Gedankenspiel, das Descartes mit seinem „methodischen Zweifel“ durchspielt, Kant ist der Auffassung, der Solipsismus sei zwar eine gefährliche Irrlehre, aber nicht zu widerlegen). Der Solipsismus sei widerlegbar und zwar durch Schmerz. Wenn ich mir den Fuß stoße, dann tut das weh. Ergo: Mein Geist kann die Welt nicht so beeinflussen, als wenn ich sie mir nur vorstellen würde. Daher ist es keine imaginierte Welt, sondern eine, hinter der reale Dinge stehen.

Was aber sagt Schopenhauer über die Ethik? Da der Mensch ja seiner Meinung nach gar keinen freien Willen hat, dreht sich bei ihm auch nicht alles um die Entscheidungsfreiheit und Fragen von Schuld und Sühne.

Es geht ihm vielmehr darum, dass der Mensch sich von sich selbst lösen soll. Wenn er sich kontemplativ in der Kunstbetrachtung versenkt (z.B. eine Oper anhört), dann wird der Mensch ein „rein erkennendes Subjekt“, das nur noch die Musik (in Schopenhauers Augen ist Musik reine Manifestation des Willens) wahrnimmt und gar kein Individuum mehr ist.

Daher ist der nächste große Schritt die „Verneinung des Willens.“ Der gesamte Lebenstrieb soll abgelehnt werden. Das bedeutet nicht, dass man sich umbringen soll, sondern dass man keine Bedürfnisse mehr haben soll. Man soll das „Spiel des Lebens“ nicht mitspielen, sondern in Kontemplation und philosophischer Reflexion gedeihen.

Buddhistisch angehaucht ist es natürlich, wenn das letzte Wort in Schopenhauers Hauptwerk „Welt als Wille und Vorstellung“ das schöne Wörtchen „Nichts“ ist.

Aber meiner Meinung nach hat Schopenhauer bei aller Bewunderung der östlichen Mystik verstanden, dass das nichts für Europäer ist (und gerade deswegen sein eigenes nihilistisches Gedankengebäude, das sehr ähnlich, aber nicht gleich ist, errichtet).

Die östliche Mystik leitet uns an, das Rad der Wiedergeburt zu verlassen und im „Nirwana“ aufzugehen. Für einen christlich geprägten Europäer ist das selbst dann noch eine Zumutung, wenn er beinharter Atheist sein sollte. Sich völlig auflösen als Lebensziel?

Der Buddhismus sagt nur: Alles Leben ist Leiden! Also hör damit auf! Auch der Buddhist soll sich nicht umbringen, sondern (in Schopenhauers Worten) „den Willen verneinen“, bedürfnislos werden. Mitleid ist das Stichwort (bei Schopenhauer wie im Buddhismus), das Mitleid mit den anderen Kreaturen (die ja auch leben, also auch leiden) verhilft im Buddhismus zu einem gewaltfreien Leben.

Schopenhauer bewundert das Christentum, dessen jüdische Elemente er aus tiefstem Herzen verabscheut, dafür, das Mitleid als höchsten Wert eingeführt zu haben

Wie bei Nietzsche, Hegel und Kant auch gibt es einige Anhänger von Schopenhauer, die ihn beinahe für einen Gott halten. Obwohl sein Werk in meinen Augen eines der stringentesten und am Besten durchargumentierten der Philosophiegeschichte ist, finde ich diese Art Apotheose schädlich – und Schopenhauer würde mir zustimmen. Wie hat er es gehasst, dass sie Hegel als Propheten behandelten! Nicht, weil er selbst der Prophet sein wollte, sondern weil er wusste, dass Philosophen eben keine Propheten sind, sondern nur Denker. Ein solch abgeschlossenes System wie das Hegels stärkt Neigungen zum Totalitären, erweist sich als wenig flexibel und hat die Neigung irgendwann wirklichkeitsblind zu werden („Wenn die Wirklichkeit meine Theorie widerlegt – umso schlimmer für die Wirklichkeit!“ das soll Hegel so ähnlich gesagt haben, nachdem er seine Theorie dazu vorgelegt hatte, dass es nur sieben Planeten geben kann und man ihn aufklärte, dass man mit Ceres gerade Nummer acht entdeckt hatte).

Obwohl Schopenhauer sich also erkenntnistheoretisch klar auf der idealistischen Seite positioniert ist ihm die Gefahr des über die Wirklichkeit hinweg Rationalisierens bewusst. Insofern ist er vielleicht nicht „Empirist“, aber auf jeden Fall ein Skeptiker.

Daher hat Marx sich ja auch bei Hegel, und nicht bei Schopenhauer „bedient.“ Hegels System war ohne großen Aufwand zu „materialisieren“ (nach Marx: vom Kopf auf die Füße zu stellen), Schopenhauers Werk nicht. Es bleibt in der Konsequenz antimaterialistisch, mystisch und sinnenfeindlich, kommt da aber nicht durch räsonieren hin, sondern durch Beobachtung.

Schopenhauers Schwäche liegt meiner Meinung darin, dass er mit dem „Willen“ tatsächlich das „Ding an sich“ erkannt zu haben glaubt und sich schulterklopfend bescheinigt, er sei damit erkenntnismäßig weiter gekommen als jeder Philosph vor ihm und jeder Wissenschaftler. Im Kontext seines Werkes erscheint der Schluss geradezu zwingend, aber so wie Kant mit mindestens sieben Begriffen von Freiheit operiert verändert sich Schopenhauers „Willen“ von einer (biologischen) Lebenskraft zu einer Urkraft, die auch Steine zu Boden fallen lässt (andere nennen das Gravitation), usf.

Die „Weltformel“ zu finden ist eben doch ein in den meisten Fällen zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.

Trotzdem ist Schopenhauer einer der interessantesten Philosophen überhaupt.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die er irgendwo erzählt: Als junger Mann habe er, wenn es an der Tür geklopft habe, immer mit einem breiten Lächeln die Tür geöffnet und „Guten Morgen!“ gebrüllt. Nun, gealtert, krame er zuerst seine Pistolen unterm Kopfkissen hervor und frage dann vorsichtig: „wer ist da?“

Die Anekdote erzählt er als Antwort auf die Frage: Was bedeutet Erfahrung?

Schopenhauer ist auch ein Bindeglied zu Nietzsche. Ohne seinen „Erzieher“ (vgl. Nietzsches vierte unzeitgemäße Betrachtung „Schopenhauer als Erzieher“) ist Nietzsche kaum zu verstehen.

Ebenso ist Schopenhauer ohne zumindest eine rudimentäre Kenntnis von Kants Erkenntnistheorie nicht zu begreifen ( und wer Platon und Descartes nicht kennt wird wiederum an Kant verzweifeln, usf.).

Daher zeigt Schopenhauer für mich besser als irgendwer anderes, dass die Philosophie bei aller Blenderei und aller Mühsal nicht vergebens ist, sondern ein Gebäude, dessen Fundament im alten Athen gelegt wurde und auf das klügere Leute als wir schon Stein um Stein mauerten.

Wir stehen auf den Schultern von Riesen.

Wir können es halten wie die (post)modernen „Geisteswissenschaftler“ und sagen, das Haus sei schon fertig gebaut und eigentlich sei es zum Wohnen auch gar nicht geeignet.

Oder wir verzieren einfach die ein oder andere Wand, fügen hier und da eine Dachziegel zu.

Oder – und das ist das wahre philosophische Geschäft – wir fangen damit an, grundsätzlich die Haltbarkeit des Fundamentes anzuzweifeln. Nicht in der Absicht, das Haus zum Einstürzen zu bringen, sondern in der Absicht, mit dem Wissen in das Haus einzuziehen, dass es nicht über unseren Köpfen zusammenstürzt.

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