Die Deutschen Philosophen – Teil 2: Hegel

von Kairos

„Es ist noch Nichts und es soll Etwas werden. Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem Etwas ausgehen soll; das Sein ist also schon im Anfang enthalten.“

Ich bin wahrscheinlich der Letzte, der etwas zu Hegels Philosophie schreiben sollte, weil ich sie einerseits für vollkommene Zeitverschwendung halte, andererseits aber ganz genauso denke wie Hegel. Daher wird dieser Artikel noch persönlicher als der erste Teil. Wer eine neutrale „Einführung in die hegelianische Philosophie“ möchte, sei auf die entsprechende Literatur verwiesen oder möge ein Seminar an der Hochschule besuchen.

Zu Hegels obskurantischem Stil sei nur ein Zitat gebracht:

„Der endliche Wille, als nur nach der Seite der Form sich in sich reflektierendes und bei sich selbst seiendes UNENDLICHES ICH, STEHT ÜBER dem Inhalt, den unterschiedenen Trieben, sowie über den weiteren einzelnen Arten ihrer Verwirklichung und Befriedigung, wie es zugleich, als nur formell unendliches , an diesen Inhalt, als die Bestimmungen seiner Natur und seiner äußeren Wirklichkeit, jedoch als unbestimmtes nicht an diesen oder jenen Inhalt GEBUNDEN ist.“

 

Dieser Satz ist übrigens tatsächlich sinnvoll. Aus ihm folgt, dass Straftäter resozialisierbar sind (allerdings für Hegel nicht im Falle von Mord!). Aber ich denke mit diesem Zitat veranschaulicht zu haben, warum so wenig Leute wirklich Hegel lesen.

Inhaltlich ist Hegels philosophisches System eine reine Selbstbeweihräucherung, pures Blendwerk. Der „Weltgeist“, der sich im dialektischen Dreischritt immer weiter entwickelt, um schließlich in Meister Hegel „zu sich selbst“ zu finden, ist ihr zentraler Inhalt.

Ich setze diese Bewertung bewusst an den Anfang und nicht an das Ende meiner Betrachtungen, weil Hegel selbst das, was er eigentlich zu beweisen hätte („ich bin der Klügste von allen!“) zur Vorraussetzung macht und sich so seine ganze Philosophie nur darum drehen kann.

Man kann Hegel vorwerfen, dass sein philosophisches System totalitär ist, wie Popper das getan hat. Wer die Begriffe zu eng definiere nehme sich den geistigen Spielraum. Definitionen seien zur Vereinfachung, nicht zur Verkomplizierung eines Sachverhaltes da.

Wenn in dieser Kritik auch viel Wahres steckt, muss ich doch gestehen, dass ich mit Hegel diese Art zu denken für die eigentlich philosophische halte.

Hegel erhebt ja den Anspruch mit seiner Dialektik nicht irgendeine Methode einzuführen, sondern den Weg des Denkens selbst (Kant würde sagen „des Denkens an Sich“, Hegel sagt sogar „an UND für Sich“, an sich ist die These, für sich die Antithese und an und für sich die Synthese).

Wie in der Klammer angedeutet vollzieht sich das Denken (vgl. hierzu auch meinen Text „Individualpsychologie“) so, dass zur Prüfung einer These deren Gegenteil behauptet wird. Die meisten Menschen nehmen dann entweder den Standpunkt der These oder den der Antithese ein – weil sie philosophisch nicht geschult sind. Der Philosoph destilliert aus These und Antithese je den Wahrheitsanteil, der darin steckt und bastelt damit eine Synthese, welche auf einer höheren Erkenntnisebene wieder eine These darstellt.

Dieser doch recht einfache Dreischritt wird von Hegelianern und Professorendarstellern allerdings so sehr verkompliziert, dass eigentlich niemand mehr weiß, was Dialektik ist. Schon Marx hat damit angefangen, indem er Hegel „vom Kopf auf die Füße“ stellte und eine „materialistische Dialektik“ als Antithese zu Hegels „idealistischer Dialektik“ erfand (eine Synthese steht meines Wissens nach noch aus). Bei Marx vollzieht sich auch die Geschichte, die er ja bekanntlich als Klassenkampf deutet, im Dreischritt. Eigentlich bekommt man schon bei Hegel selbst den Eindruck, er wisse nicht genau, wie die Dialektik funktioniert.

Ich will mich gar nicht damit aufhalten, mich über Hegels Gedankenwürmer lustig zu machen, lustiger als Schopenhauer, der neben dem „ausverkauften“ Hegel Seminare vor fünf Studenten abhielt (und im Folgesemester gar keine Gäste mehr hatte), kann man nicht über Hegel schimpfen.

“Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden…hat den Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge.”

“Eine philosophische Hanswurstiade”.., “ein Zusammenschmierender sinnloser”…”der Unsinn geschmiert hat wie kein anderer je vor ihm”,…”dieser Absurditätenlehrer” mit seiner Bierwirtsphysiognomie”…, “hat dreißig Jahre lang in Deutschland für den größten Philosophen gelten können”.

Das waren jetzt noch die höflicheren Aussagen…

Allein im Eingangszitat dieses Textes enthüllt sich die Sinnfreiheit von Hegels dialektischer Methode, die, wie gesagt, weise angewandt, sicherlich zu Erkenntnissen führen kann. Hegel machte den Fehler sie zu verabsolutieren.

Sympathisch sind dann wieder Äußerungen wie „Wollen Sie noch ein Trinkgeld für Ihre guten Taten?“ (auf die Frage nach dem Paradies) und seine offen nationalistische Einstellung.

Hegel ist auf jeden Fall kein Aufklärer und kein Kantianer (obwohl er, Fichte und Schelling die Nachfolge Kants in Anspruch nahmen) und zwar aus folgendem Grund:

Kants ganze kritische Phase (vgl. Teil 1) ist dem Bestreben gewidmet, die Metaphysik wissenschaftlich zu fundieren. Unwissenschafltich ist sie nach Kants Meinung, weil sich die Dogmatiker (Idealisten, Rationalisten) anmaßen über die „Dinge an sich“ zu urteilen, ohne die empirische (reale) Welt miteinzubeziehen. Das bedeutet ihre Spekulationen werden im Leerraum der Phantasie geführt. Hegel tut zwar so, als erweitere er Kants wissenschaftliche Metaphysik, aber in Wahrheit fällt er hinter diese zurück (und damit auch die stark von Hegel beeinflusste Phänomenologie, z.B. Husserl, bis hin zu den Existentialisten, z.B. Sartre).

Während Kant wirklich eine „kopernikanische Wende“ im Denken vollzieht, indem er nicht mehr die Welt zu erkennen versucht, sondern den Apparat, mit dem wir die Welt erkennen, wollen Hegel und Schelling wieder spekulieren dürfen, Husserl will gar „zu den Sachen!“ zurück (was für einen Kantianer ähnlich klingt, als wenn jemand sagt wir müssten „zurück auf die Bäume!“).

Diese Kritik an Hegel ist nicht nur auf meinem Mist gewachsen, Schopenhauer, der in der skeptischen Tradition von dem heute weitgehend unbekannten „Aenesidemus“ Schulze steht, weist darauf hin, auch Popper kritisiert Hegels Methode ausführlich (z.B. in „die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, dieses Werk habe ich im „Dialog auf der Nebukadnezar“ kritisiert), ebenso Russell und viele weitere.

So kommt es, dass die Kantnachfolger sich tatsächlich wieder in einen rationalistischen (Hegel, Schelling, Fichte, auch Herder) und einen empiristischen (Schopenhauer, Schulze, später auch Marx) Arm teilen, jeweils überzeugt davon die richtigen Lehren aus Kants Vernunftkritik gezogen zu haben.

Interesannterweise hatten die beiden Antipole Hegel und Schopenhauer (vgl. nächster Artikel) zum Judaismus eine ganz ähnliche Meinung.

Wie kann es aber sein,dass die hellsten Köpfe „einer ganzen gelehrten Generation“ auf jemanden hereinfallen, der eigentlich gar nichts zu sagen hat? Ist die Wertschätzung Hegels durch manche Patrioten am Ende doch begründet?

Ich denke, dass man durch das Hegelstudium viel lernen kann. Philosophisches Schließen vollzieht sich allzuoft ja tatsächlich im logischen Leerraum. Man muss nur aufpassen, dass man das Denkbare nicht mit dem Tatsächlichen, die Möglichkeit nicht mit der Wirklichkeit verwechselt. Nur weil ein Gedanke schön ist, heißt das noch nicht, dass er wahr ist. Er muss immer an den Fakten geprüft werden, sonst ist er sinnlos.

Hegels spekulative Philosophie zeigt uns aber auch die Gefahr in dem zuvor geäußerten Gedanken, der in seiner Allgemeinheit richtig und wichtig ist, auf: Übertreibt man es nämlich mit dem Faktischen landet man schnell dort, wo Wittgenstein sich wiederfand (sein Buch „Tractatus Logicus Philosophicus“ war nach eigener Aussage sinnlos. Das Buch entwickelte die These, dass jedes Sprechen über etwas, das keinen reellen Bezug zu wirklichen Dingen, die man anfassen kann, habe, sinnlos sei. So führte das Buch sich selbst ad absurdum).

Unsere vorgeblich so rationale Wissenschaftshörigkeit, unser „ich glaube nur was ich sehen kann“ reduziert den Menschen. Wir sind keine organischen Maschinen, wir sind fähig zu Abstraktion und Vision.

Hegel zeigt uns (bzw. ist es das, was er mir persönlich sagt), die Gefahren der auf die Spitze getriebenen Rationalität (und zwar auf zwei Seiten: einerseits in Richtung haltloses Spekulieren, andererseits in Richtung verbissene Faktenhörigkeit) auf. Ein zuviel an geistiger Kreativität ist genauso wenig zielführend wie ein zuwenig.

Die Vernunft allein ist unvernünftig. Sie braucht einen Gegenpol.

Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass wir im „Westen“ uns von einem starken Teil unserer Seele haben abtrennen lassen, einem Teil, der durchaus ebenso wichtig für das Erlangen von Erkenntnissen ist wie die Ratio. Ich rede von der Intuition.

Wer immer glaubt er käme durch „intensives Nachdenken“ dazu einen „eigenen Standpunkt“ zu entwickeln, der ist schon auf diesem Holzweg der unvernünftigen Vernunft gelandet.

Kein Mensch kommt durch „intensives Nachdenken“ zu einem „eigenen Standpunkt“, das kann die Vernunft gar nicht leisten.

Das, was man für wahr und richtig hält, hält man deswegen dafür, weil die Intuition es einem sagt. Die Vernunft ist nur ein Instrument, um die Axiome, welche die Intuition setzt, zu überprüfen und notfalls korrigierend einzugreifen. Ein Computer kann, selbst wenn man ihn mit „KI“ ausstatten würde, niemals einen „eigenen Standpunkt“ entwickeln. Ein Mensch, der nur nachdenkt, kann das auch nicht. Er wird immer glauben, dass er selbst es ist, der denkt, aber Beobachter werden erkennen können, welcher Ideologie er folgt und wo seine „eigenen“ Gedanken herkommen.

Daher ist die Intuition letztendlich der Vermittler zwischen Rationalismus und Empirismus. Sicherlich müssen wir Visionen haben. Sicherlich müssen wir uns den Fakten beugen. Aber es genügt nicht, wenn wir nur glauben, was wir sehen und anfassen können und es ist zu viel, wenn wir einfach in die unendlichen Weiten des Alls hineindenken.

Insofern Hegel also gut dazu geeignet ist, die eigenen Gedanken und philosophischen Gedanken zu beflügeln und insofern er die philosophische Tradition nachhaltig beeinflusst hat, ist es sicherlich empfehlenswert, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Gefährlich finde ich aber die messianische Hegelverehrung einiger, die ihm den Schwachsinn vom zu sich selbst gefundenen Weltgeist abkaufen und so tun, als habe Hegel „alles gesagt.“ Das gibt es vereinzelt auch bei Kantianern und Nietzscheanern und in noch schlimmerer Form in Bezug auf Popper, Marx, Freud, Lacan, La Vey und anderen jüdischen Führerfiguren.

Philosophen existieren aber nicht dazu, dass man ihnen folgt, sondern dazu, dass man ihre Gedanken nachvollzieht und so die eigenen philosophischen Überlegungen voranbringt.

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