Die Deutschen Philosophen – Teil 1: Kant

von Kairos

Mir sagte mal eine Philosophiestudentin dreist ins Gesicht, man könne von niemandem erwarten Kant oder Hegel zu lesen und zu verstehen.

Gut, man kann das wohl von kaum jemandem erwarten – aber doch wohl von einem Philosophiestudenten!?

Kant ist einer der größten deutschen Philosophen überhaupt. Leider hatte er die Neigung dazu, viele latinisierte Wörter in endlosen Schachtelsätzen aneinanderzureihen. Das erschwert den Zugang zu seiner Philosophie.

Liest man ihn genau, dann erkennt man, dass alles perfekt gesetzt und strukturiert ist, kein Satz ist überflüssig, überall nur stringente Argumentation, wie ein Panzer überrollt das kantische Denken den naiven Leser.

Allein der Anfang von „Was ist Aufklärung?“ belegt dies:

„A u f k l ä r u n g   i s t   d e r   A u s g a n g   d e s   M e n s c h e n   a u s   s e i n e r   s e l b s t v e r s c h u l d e t e n   U n m ü n d i g k e i t. U n m ü n d i g k e i t  ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. S e l b s t v e r s c h u l d e t  ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude ! Habe Mut, dich deines  e i g e n e n  Verstandes zu bedienen ! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Man kann hier wie mit einer geistigen Lupe nachvollziehen, wie Kants Denken funktioniert. Er bringt eine These und nimmt dann die einzelnen Begriffe der These nacheinander auseinander.

Wahrscheinlich müsste man seine großen Werke, wie die „Kritiken“ (Kritik der reinen Vernunft (1781), Kritik der praktischen Vernunft (1788) und Kritik der Urteilskraft (1790)) tatsächlich einmal „übersetzen“, also in einigermaßen verständlicher Sprache neu herausbringen.

Das kann ich hier natürlich unmöglich leisten. Aber ich habe mich der Aufgabe verschrieben komplexe Sachverhalte so zu formulieren, dass jedermann mit ein bißchen Grips in der Birne sie verstehen kann und habe daher auch vor dem Versuch, die kantische Philosophie komprimiert wiederzugeben, keine Scheu (ich beziehe mich hier nur auf die drei Kritiken und kann nur einige Punkte herausstreichen, sonst liest keiner den Text zu Ende).

Die Empiristen und Rationalisten (Skeptiker und Dogmatiker) hatten sich jahrhundertelang gestritten, ob die Quelle der Erkenntnis in den Sinnen oder im Verstand liege. Die Empiristen sagten, der Mensch komme als „tabula rasa“ zur Welt, der mit Sinneseindrücken „gefüllt“ werde. Er habe keinen freien Willen, sondern  folge wie alles andere auch den Gesetzen der Natur. Die Rationalisten aber sagten, der Mensch erkenne alles durch das Denken und glaubten daher auch, sie könnten ihre Theoriegebäude im luft- bzw. erfahrungsleeren Raum immer höher in den Himmel bauen.

Beide philosophischen Strömungen waren an der Grenze ihrer Fähigkeiten zur Weltbeschreibung angelangt.

Und da kam Kant ins Spiel. Seine „kopernikanische Wende der Philosophie“ sagt nichts weniger, als dass der Streit zwischen Empiristen und Rationalisten gar nicht entschieden werden kann. Beide würden sich irren, da sie von der irrigen Annahme ausgingen, sie könnten die Dinge erkennen. Das war jahrhundertelang Ontologie und Metapysik gewesen – die Dinge erkennen. Zu fragen: Was ist das Sein? Kant sagt, man kann die Frage gar nicht beantworten, bevor man nicht gefragt hat: Wie erkennen wir die Dinge?

Er behauptet also, wir müssten erstmal unseren Erkenntnisapparat analysieren. Wenn wir das tun sehen wir, dass wir, wenn wir wahrnehmen, dies immer in Raum und Zeit tun. Wir können nicht außerhalb von Raum und Zeit denken. Aber die Dinge an sich bestehen außerhalb von Raum und Zeit, alles, was wir erkennen können, sind die Erscheinungen der Dinge an sich.

Das heißt jede Erkenntnis beginnt zwar mit der Erfahrung, aber unser Erkenntnisapparat ist kein Schwamm, der die Wirklichkeit aufsaugt, sondern ein hochkomplexes System, das diese Wirklichkeit (so wie sie uns erscheint) konstruiert. Kant bereitet hier den Boden für viele philosophische Strömungen der Moderne (z.B. den Kontruktivismus).

So kann Kant (ich lasse notgedrungen einen großen Teil des Inhalts der „Kritik der reinen Vernunft“ beiseite) auch endlich die spekulativen Fragen beantworten. Gibt es Gott, gibt es Freiheit? Haben Zeit und Raum einen Anfang und ein Ende oder sind sie unendlich?

Kant zeigt, dass man diese Fragen nicht beantworten kann, wenn man nach den Dingen an sich fragt. Nicht, weil man nicht zum Anfang der Zeit zurückreisen könne, sondern aus logischen Gründen. Man kann beweisen, dass die Zeit keinen Anfang und kein Ende haben und ebenso kann man das Gegenteil beweisen. Es liegt ein Widerspruch vor.

Nur wenn man einräumt, dass eine Handlung, die uns als von Naturgesetzen verursacht erscheint, an sich auch aus Freiheit entstehen kann, dass Gott außerhalb unserer Wahrnehmung existiert und dass unser Verstand die Unendlichkeit nicht erfassen kann (redet man von Endlichkeit, dann fragt der Verstand „was ist dahinter?“ – die Unendlichkeit selbst aber ist nicht vorstellbar, weil wir ja in der Zeit – also als endliche Wesen – existieren).

Sittliches Handeln fußt nach Kant auf ebenso starren Gesetzen wie das Naturgeschehen. Der kategorische Imperativ lautet (in seiner bekanntesten Formulierung): handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Kant präzisiert hier die „goldene Regel“ („was Du nicht willst, das man Dir tue…“) und sagt, nur wenn wir wollen, dass alle anderen sich auch so verhalten, ist unser Handeln gut.

Damit sind alle egomanischen Rationalisierungen von ethisch bedenklichen Handlungen zum Scheitern verurteilt. Kein Dieb will, dass alle Welt klaut (dann würde er keinen Gewinn mehr machen), kein Betrüger, dass jeder betrügt, und so fort.

Kant vergenauert das Gesetz noch und redet davon, dass man Menschen immer als Selbstzweck sehen muss und nie als Mittel zum Zweck benutzen darf.

Das Abschießen eines Flugzeuges mit unschuldigen Insassen zur Verhinderung größeren Elends ist nach der kantischen Ethik untersagt. Hier kann man natürlich utilitaristisch argumentieren (das Wohl Vieler ist wichtiger als das Wohl von Wenigen), aber wie wir ja durch „Star Trek“ wissen, kann das Wohl eines Einzelnen unter Umständen auch wichtiger sein.

Wo zieht der Utilitarist, dem es um das Wohl der Meisten geht, die Grenze? Bei 100 Opfern, bei 1000? Streng genommen müsste er das Abschlachten von einer Million Menschen befürworten, wenn dadurch eine Million und ein Mensch es besser haben. Dieses Problem hat Kant erkannt.

Schön ist für Kant übrigens nicht das Außergewöhnliche, sondern das Normale. Je besser etwas der Norm entspricht, desto schöner ist es.

Kant widerlegt alle gängigen Gottesbeweise (in der „Kritik der reinen Vernunft“). Er zeigt auf, dass man nicht wissen kann, ob es Gott gibt. Man muss es glauben. Der Himmel ist keine Gewißheit, nur eine Hoffnung.

Interessant ist, dass in der B- Ausgabe der „KrV“ einige Passagen darüber, dass man Gott zwar nicht beweisen kann, aber trotzdem mit ziemlicher Sicherheit von seiner Existenz ausgehen kann (Begründung: sonst wäre das sittliche Handeln ja sinnlos) in der A- Ausgabe fehlen. Die erste Ausgabe war der Zensur wohl zu atheistisch, da musste man ein wenig „nachbessern.“ Ähnlich erging es ja auch schon Descartes.

Kant ist auch Begründer der Idee vom „Weltbürgertum“ (obwohl er selbst seine Heimatstadt Königsberg nie verlassen hat). Der Weltbürger ist überall zu Hause. Die Nationen sollen mit dem Kriegführen aufhören, erreicht werden soll das durch eine supranationale Organisation, welche dafür sorgt, dass ein internationales Recht entsteht.

Kritik an der Kantischen Philosophie wird, wenn sie aus unserer Ecke kommt, vor allem bei diesem Weltbürgertum und der Idee eines Völkerbundes (vgl. die Hydra UN!) ansetzen, aber auch seine Ausführungen zur Aufklärung kann man als politische Agitation (Auflösung traditioneller Strukturen) deuten.

Meine persönliche Meinung ist, dass der erzkonservative Kant überhaupt nicht damit gerechnet hat (und nie rechnen konnte), dass die Aufklärung eines Tages dazu führt, dass die Frauen Krieg gegen die Männer führen, dass das Weltbürgertum einmal „Multikulti“ heißen würde und die Idee vom ewigen Frieden einmal als satanisches NWO- Projekt umgesetzt werden würde.

Im Gegensatz zu vielen anderen Aufklärern war Kant (meines Wissens nach, berichtigt mich, wenn ihr mehr wisst!) auch in keiner Loge tätig oder sonstwie verdächtig an der ochlokratischen Philosophie der französischen Revolution bewusst mitgewirkt zu haben. Im Gegenteil wird seine pietistische Ethik oft als „obrigkeitshörig“ verschrien (Kant ging nicht von einem Widerstandsrecht der Untertanen gegen ihre Herrscher aus).

Das ist kein kompletter Freispruch, aber ich glaube auch ein großer Denker wie Kant konnte nicht voraussehen, dass die Herrschaft des Weißen Mannes einmal in sich zusammenbrechen würde und seine Ideen von Kampfemanzen missbraucht werden würden, um ihren Männerhass zu rationalisieren. Der Aufklärer Kant ist einfach ein Kind seiner Zeit, er hatte das Gefühl, den Weltgeist eine entscheidende Stufe emporheben und dabei helfen zu können, die Menschen aus Knechtschaft und Unmündigkeit zu befreien.

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