Heinrich Heine: Deutscher Dichter und politischer Agitator in causa judaica

Das englische Original „Heinrich Heine: German Lyric Poet and Jewish Political Agitator“ von Dan Michaels wurde am 3. Juli 2012 auf The Occidental Observer veröffentlicht. Übersetzung durch Sternbald.

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Das „Junge Deutschland“ war eine von mehreren jungen Juden geführte Bewegung, die liberale Reformen propagierte, welche größere Freiheiten für Juden in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft beinhalten sollten. Die Reaktion der Deutschen darauf kann als Vorzeichen einer kommenden Verschlechterung der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden hundert Jahre vor der Machtergreifung Adolf Hitlers gesehen werden. Im Rahmen ihrer Kampagne sagten und taten die Aktivisten Dinge, die von der deutschen Obrigkeit und vielen Deutschen als beleidigend empfunden wurden. Im Zentrum der Bewegung befand sich der weltbekannte Dichter Heinrich Heine, den viele als Personifizierung der jüdischen Mentalität betrachten.

Heine litt schmerzlich an seiner eignen Zerrissenheit. Bereits in jungen Jahren erlangte er großen Ruhm und wurde als Deutschlands bedeutendster romantischer Dichter nach Goethe angesehen. Aufgrund der Schönheit und der Themen seiner Dichtung dachte man von ihm, dass er seine Heimat und insbesondere das Rheinland liebte. Im mittleren Alter jedoch hatte er sich zu einem verbitterten und sarkastischen Kritiker verwandelt, der nahezu Allem und Allen, die er zuvor geliebt oder bewundert hatte, feindlich gegenüberstand. Da andere Gründe nicht bekannt sind, muss man annehmen, dass das Zerbrechen seines Lebens, seiner Persönlichkeit und seiner Gesundheit durch den psychologischen Zusammenstoß zwischen seiner Herkunft, insbesondere seiner jüdischen Prägung, und der Kultur der Welt, in der er lebte, verursacht wurde. In Goethes Faust findet sich eine passende Beschreibung dieser Problematik:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

die eine will sich von der andern trennen…

Der 1797 in eine jüdische Familie geborene Harry Heine begann sein Leben in einer katholisch geprägten Stadt, deren jüdische Einwohner – sie waren in Deutschland nur eine Minderheit – Napoleon und seine Reformen begrüßten. Heines Eltern, die bescheiden, aber komfortabel lebten, schickten den künftigen Dichter mit vier Jahren in einen deutschen Kindergarten, während sie ihm gleichzeitig zuhause die jüdischen Traditionen vermittelten und ihn in einer Privatschule zusätzlich im jüdischen Glauben unterweisen ließen. Harry besuchte dann das örtliche Gymnasium, welches in einem Franziskanerkloster beherbergt war und von katholischen Priestern betrieben wurde, die häufig Jesuiten waren. Es herrschte strenge Disziplin – mit dem Ziel, Napoleon tüchtige Untertanen heranzuziehen. Dort lernte Harry fließend Französisch sprechen, nicht als Fremdsprache, sondern fast auf derselben Stufe wie seine Heimatsprache Deutsch. Von Glück für den jüdischen Jungen war, dass der Schulrektor Schallmayer, ein Jesuit, der mit seinem Schüler die Liebe für alles Französische teilte, sein Freund und Mentor wurde. Schallmayer versuchte sogar, Harry zur Priesterlaufbahn zu überreden. Obwohl die poetische Seite des Katholizismus den jungen Harry stark anzog, entschied er sich für ein bürgerliches Leben. Später verewigte Heine diese Priester und ihre Eigentümlichkeiten in Das Buch Le Grand (1827) und in seinen Memoiren (posthum 1884). Als wäre er von einem inneren Instinkt dazu angeleitet, ja sogar dazu gezwungen, schrieb er in Reisebilder (1826) und weiteren Gedichten ebenfalls spöttische und sogar blasphemische Passagen über seine frühen Erfahrungen und die Schulzeit.

Aufgrund seiner Persönlichkeit, seiner politischen Ausrichtung und seines literarischen Talents entwickelte Harry Heine sich zu einer bedeutenden Figur während der reaktionären Periode, die von den Deutschen als Vormärz bezeichnet wird, d.h. von der Niederlage Napoleons 1815 und der Abschaffung seiner liberalen Reformen bis zur Revolution im März 1848 und dem Wiederaufleben des Liberalismus.

Vor den napoleonischen Reformen waren Juden in Deutschland hinsichtlich ihrer Ambitionen und Aktivitäten gewissen Einschränkungen unterworfen gewesen. Der einzige ihnen offenstehende Beruf war der des Arztes. In dem neuen liberalen Klima jedoch setzten Juden bald ihre Fähigkeiten im Bereich moderner Bankgeschäfte ein, inbegriffen diejenigen, die bis dahin „Hofjuden“ an den verschiedenen Fürstenhöfen gewesen waren und denen, die sich als traditionelle Wucherer betätigt hatten. Das Haus Rothschild, dessen Gründer Meyer Amschel Rothschild sein Vermögen während der Koalitionskriege nach der Französischen Revolution von 1789 gemacht hatte, war der erfolgreichste der frühen jüdischen Bankenkonzerne. Als Geschäftspartner der herrschenden Klasse wurden die jüdischen Bankiers oft zu Baronen geadelt, wenn ihnen auch immer noch die Bürgerrechte verwehrt wurden. Zu Harrys großem Glück war sein Onkel Solomon als einer dieser erfolgreichen Bankiers in Hamburg schnell in der Gesellschaft aufgestiegen. Unter der Bedingung, dass Harry in Jura promovieren würde, erklärte er sich bereit, alle mit dem Studium verbundenen Kosten zu übernehmen.

Harry Heine begann sein Studium mit einem soliden Grundlagenwissen über die Thora, die Psalmen, jüdische und deutsche Folklore, die französischen Klassiker, napoleonischen Ethos, die Geistergeschichten der Romantiker, Rektor Schallmayers Rationalismus und Jonathan Swifts brutale Satiren. Diese Einflüsse sollten ihn Zeit seines Lebens begleiten.

An der Universität Bonn kam Heine in den Genuss der besonderen Aufmerksamkeit sowohl August Wilhelm von Schlegels, eines Kritikers und Interpreten fremder Literaturen, als auch Ernst Moritz Arndts, der ein standhafter Gegner von Napoleons „Aggressionen“ [Anführungszeichen im Original] gewesen war. Heine passte sich seinen Kommilitonen an, indem er vorgab, Deutschlands Befreiung von Napoleon zu begrüßen. Während seiner Bonner Zeit schrieb Heine ein Sonnet, welches sein Leben an der Universität in einem positiven Licht darstellt; er wies aber in späteren Jahren seine zuvor geäußerten Gefühle in einer hässlichen Passage in Romantische Schule (1836) mit bitterer Undankbarkeit zurück.

In dieser Zeit war es Brauch unter Studenten, von Universität zu Universität zu ziehen, um die Studienbedingungen und Professoren zu finden, mit denen sie sich am wohlsten fühlten. Obwohl Heine die Bewohner dieser Region ebenso wie die Studenten als ziemlich arrogant und voll von Standesdünkel gegenüber Juden empfand, wählte er Göttingen als Studienort. Adlige hatten dort beispielsweise eigene Bänke in den Lehrsälen und nahmen ihre Mahlzeiten an ihnen vorbehaltenen Tischen in der Mensa ein. Sowohl in Bonn als auch in Göttingen belegte Heine unter völliger Missachtung der Wünsche seines Onkels größtenteils Kurse in Literatur und Geschichte.

Als folgenden und letzten Studienort wählte Harry Heine Berlin. Es war ein voller Erfolg, und es gelang ihm dort, mit einigen der bedeutendsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit in Kontakt zu treten. Das Nachtleben bot Opernhäuser, Restaurants, Weinstuben und die Gelegenheit, in den literarischen Salons wohlhabender jüdischer Damen die Nähe von Berühmtheiten zu suchen. Heine wurde Stammgast in Frau Rachels Salon, wo er Umgang mit solchen Größen wie der Baronin Elise von Hohenhausen (der Übersetzerin Lord Byrons), dem weltbekannten Philologen Franz Bopp, E.T.A. Hoffmann, dem Juwelier Fouqué, dem Poeten und Botaniker Chamisso und vielen anderen pflegte.

Im August 1822 trat Heine dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden bei, welcher sich der jüdischen Identitätsfindung im modernen Europa verschrieben hatte. Abgesehen davon, dass Heine und die Juden im Allgemeinen von vielen Deutschen als Außenseiter betrachtet wurden, gab es auch einige Rabbis, welche fürchteten, ihren Einfluss und ihre Macht zu verlieren, falls die Juden sich assimilieren sollten, sodass sie diese dazu ermutigten, unter sich zu bleiben. Obwohl Heine persönlich alle religiösen Dogmen ablehnte, drängte ihn sein inneres Wesen, d.h. sein rassischer Instinkt, den Verein zu unterstützen. Die Freundschaften, die er dort mit anderen Juden schloss, hielten sein ganzes Leben lang. Selbst nachdem er Freunden gestanden hatte, seinen Glauben an das rabbinische Dogma und alle dogmatischen Religionen verloren zu haben, fuhr er nichtsdestotrotz fort, den Verein und alle weiteren Institutionen, die Juden halfen, zu unterstützen.

An der Universität zeigte Heine sofort Interesse für die Philosophie Hegels und besuchte viele von dessen Vorlesungen. In seinem späteren Leben gestand er Ferdinand Lassalle, einem jüdisch-deutschen Sozialisten und politischen Agitator, dass er Hegels Philosophie niemals wirklich verstanden hatte, jedoch davon geblendet war, dass sie in aller Munde geführt wurde. In seinem Buch Le Grand verwendete er dann Hegels Terminologie in rein humoristischer Weise. Bei dem Philologen Franz Bopp studierte er Sanskrit und hinduistische Mythologie, in welche er bereits in Bonn durch von Schlegel eingeführt worden war. Ebenso besuchte er Vorlesungen Friedrich August Wolffs über Homer und des Romantikers Schleiermacher über Religionstheorie. Über all dem vernachlässigte der junge Harry Heine das Jurastudium, welches ihm sein Onkel ans Herz gelegt hatte.

Nachdem er seine Studien in Berlin beendet hatte, wollte Heine nach Paris reisen, aber er hatte nicht mit Onkel Solomon gerechnet, der darauf bestand, dass er endlich seinen Abschluss in Jura machte. Solomon rechnete damit, dass sein Neffe das Jurastudium wieder aufgreifen würde, sofern es ihm nicht möglich sein sollte, von der Dichtkunst annehmbar zu leben. Harry kehrte dementsprechend nach Göttingen zurück. Im Juni 1824 beschloss er, sich durch die Taufe in der Lutherischen Kirche Eintritt in die wirkliche Welt zu verschaffen. Sein Taufname, unter dem er von nun an bekannt sein sollte, lautete Christian Johann Heinrich Heine. Seinen jüdischen Freunden erklärte er, dies sei die „Eintrittskarte in die europäische Kultur“. Es wird berichtet, dass Heine über seinen Übertritt zum Christentum, welchen er lebenslang bereute, sagte: „Es ist extrem schwierig für einen Juden, zu konvertieren, denn wie kann er sich selbst dazu bringen, an die Göttlichkeit eines anderen Juden zu glauben?“

Im Juli 1824 bestand Heine erfolgreich seine Disputation auf Latein und erhielt den Titel eines Doctor Juris. Professor Hugo, der Dekan der juristischen Fakultät, schmeichelte ihm, indem er ihm gratulierte und ihn hinsichtlich der Doppelrolle als Dichter und Jurist mit Goethe verglich.

Heine fuhr fort, liebliche Dichtung und bittere Prosa zu veröffentlichen. Das Buch der Lieder (1827), zu welchem er durch die unerwiderte Liebe zu seiner Cousine Amalie inspiriert wurde, ist seine bekannteste Gedichtsammlung, aus der einige Stücke wie Die Lorelei (1822) weltbekannt sind; Komponisten wie Schubert, Schumann und Mendelssohn vertonten viele der Gedichte. Der Romanzero (1853) [laut der dt. Wikipedia 1851] gilt als seine reifste Gedichtsammlung. Heines bedeutendste Prosawerke (Die Harzreise (1826), Die Romantische Schule, Atta Troll (1847), Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)) sind Meisterwerke an Ironie, Sarkasmus, Zynismus und Satire. Über Heines Dichtung sagte Nietzsche [in Ecce homo]:

Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß eine göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag (…). – Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind.

1841, nach einer zweiten Erfahrung unerwiderter Liebe, heiratete Heine eine ungebildete 19 Jahre alte Verkäuferin aus Paris mit dem Spitznamen „Mathilde“. Mathilde sprach kein Deutsch und hatte kein Interesse für kulturelle oder intellektuelle Fragen. Obwohl die beiden viele Jahre zusammenblieben, war es keine glückliche Beziehung. Es wird berichtet, Heine habe Folgendes über das Heiraten gesagt: „Die bei Hochzeiten gespielte Musik erinnert mich immer an jene, die für Soldaten gespielt wird, bevor sie in den Kampf gehen.“

Zwischen 1830 und 1850 wurden Heine und Ludwig Börne (ein weiterer jugendlicher jüdischer Agitator) zu den intellektuellen Führern der Bewegung „Junges Deutschland“, einer literarischen Clique, die versuchte, die Künstler und Schriftsteller Deutschlands hinter sich zu bringen und sie davon zu überzeugen, dass es ihre Pflicht war, zum politischen und sozialen Wandel beizutragen, insbesondere hinsichtlich der vollen Gleichstellung der Juden in Deutschland. Schriftsteller, die diese Vorstellungen nicht teilten, wurden als sterile Ästheten oder antisoziale Reaktionäre diffamiert. Um ihr Ziel zu erreichen, benutzten sie meisterhaft die Waffen der Ironie und der Satire, um gegen sie gerichtete Argumente zu entkräften und alle lächerlich zu machen, die ihnen ihrer Meinung nach den Weg versperrten. Zahlreiche Literaturkritiker und politische Kommentatoren lehnten ihren kalten Intellektualismus, Materialismus und ihren vorgetäuschten melancholischen „Byronismus“ allerdings ab.

Heinrich von Treitschke (1834-1903) [tatsächlich 1834-1896], ein bekannter und sehr einflussreicher deutscher Historiker, kritisierte die Arroganz, die ungerechten Anschuldigungen und die ungezügelten Ambitionen der Vertreter der Bewegung. Er beschrieb, wie die jüdischen Versuche, ein hybrides deutsch-jüdisches Land zu schaffen, sich negativ auf die deutsche Gesellschaft auswirkten. In einem Pamphlet mit dem Titel Ein Wort über unser Judenthum schreibt er: „über unsere Ostgrenze dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schar strebsamer, hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.“ Treitschke machte auch den Satz Die Juden sind unser Unglück bekannt, der sich derart fest verankerte, dass er bis zum Auftreten des Nationalsozialismus in Erinnerung blieb.

Von Treitschkes Ansichten über das deutsche Judentum wurden von Theodor Mommsen erwidert, einem ebenfalls bekannten deutschen Historiker, der sich in dem Manifest der Berliner Notabeln gegen den Antisemitismus vom 12. November 1880 folgendermaßen ausdrückt:

In unerwarteter und tief beschämender Weise werden jetzt an ver­schiedenen Orten, zumal den größten Städten des Reichs, der Racenhaß und der Fanatismus des Mittelalters wieder ins Leben gerufen und gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet. Vergessen wird, wie viele derselben durch Fleiß und Begabung in Gewerbe und Handel, in Kunst und Wissenschaften dem Vaterlande Nutzen und Ehre gebracht haben.

Nun hielten sich diejenigen, die nur Schlechtes in der Gegenwart der Juden sahen, und jene, die darin etwas ausgesprochen Gutes sahen, die Waage. Heinrich Heine zeigte in seinem Leben eine Fülle beider Qualitäten – guter und schlechter. Mit der Zeit gewannen allerdings seine satirischen und polemischen Schriften gegenüber seiner Dichtung die Überhand. Obwohl er fortfuhr, Gedichte ersten Ranges zu schreiben, verlor er zunehmend die enge Beziehung zu Volksdichtung und Folklore, die ihn in seinen jungen Jahren ausgezeichnet hatte. Hinsichtlich ihrer politischen Ausrichtung wurden Heines Schriften teils als radikal liberal, teils als offen revolutionär bezeichnet. Er pflegte freundschaftlichen Umgang mit Karl Marx und Friedrich Engels. Der deutsche Dichter Harry Heine war schließlich zum Internationalisten Heinrich Heine geworden, einem politischen Dichter und Literaturkritiker. In einem seiner Gedichte heißt es:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Die Verwandlung war vollendet.

Tatsächlich hatte Heine die Engel seiner neutestamentarischen Jugend gegen die Dämonen seines alttestamentarischen Erbes eingetauscht. Baudelaire erkannte etwas dieser Art in ihm und lobte ihn als einen Schriftsteller, der „ein Genie sein könnte, wenn er sich öfter dem Göttlichen zuwenden würde“. Zuweilen erlaubte Heine es sich sogar, seine eigenen Stammesgenossen wegen ihrer Geldbezogenheit und anderer unattraktiver Eigenschaften zu kritisieren. Darauf folgten allerdings Entschuldigungen und die Bekräftigung seiner Treue zu seinen jüdischen Wurzeln.

Als 1830 die Revolution in Paris den letzten Bourbonen vom Thron fegte und Frankreich zu einer konstitutionellen Monarchie machte, entschied Heine sich, dorthin zurückzukehren; er sollte seine letzten 25 Lebensjahre in Paris verbringen. 1848 wurde Heine plötzlich gelähmt und war bis zu seinem Tod im Jahre 1856 ans Bett gebunden. Bevor er starb, erklärte er, dass er selbst kein Atheist, sondern ein Deist sei, aber alle institutionalisierten Religionen ablehne. Bezüglich möglicher Fehler in seinem Leben soll Heine gesagt haben: „Natürlich wird Gott mir vergeben; das ist seine Aufgabe“.

Die meisten Kritiker haben Heinrich Heine als unbestreitbar großen Dichter, Satiriker und Polemiker angesehen. Prof. Robert Herndon Fife von der Columbia University schrieb 1933 folgendes positives Urteil: „Die Einführung eines stark dialektischen Geistes in die Leidenschaftlichkeit der Romantik; die Vermischung jüdisch-orientalischer Eigenschaften mit germanischen hatte literaturgeschichtliche Neuerungen zur Folge.“

Genau diese Vermischung jüdisch-orientalischer und westlicher Eigenschaften fanden andere beleidigend. Adolf Bartels (1862-1945), selbst ein bedeutender deutscher Dichter und Journalist, sprach für Viele, als er über Heine sagte, er sei „kein schöpferisches Genie, sondern nur ein konstruktives Talent, ein bloßer Virtuose“. Bartels war bereits ein entschiedener Vertreter der völkischen Literatur lange vor dem Auftreten der Nationalsozialisten, von welchem an Heine bald zur persona non grata und Bartels’ Prosa und Dichtung halboffiziell zum Vorbild ausgerufen wurde. Hitler persönlich verlieh ihm 1937 mit der Adlerschild-Medaille die höchste zivile Ehrung des nationalsozialistischen Deutschlands.

Heine war also eine zerrissene Persönlichkeit, in dem Sinne, dass seine eigentliche Natur, sein jüdisches Erbe, häufig mit seiner germanischen und christlichen Umwelt in Konflikt geriet. Durch seine Eltern und sein kulturelles Erbe war er mit gewissen vorteilhaften jüdischen Eigenschaften ausgestattet, nämlich einem natürlichen Zugehörigkeitsgefühl zu seinem eigenen Volk (rassische Solidarität), Sprachbegabung, Aggressivität, Abgrenzung, intellektueller und geistiger Schärfe, einer göttlichen (oder dämonischen) Unzufriedenheit mit dem gegebenen Stand der Dinge sowie dem Gefühl der Überlegenheit im Rahmen einer fremden und feindlichen Welt, welche der Aufklärung bedarf. Seine Umgebung förderte und formte seine zweite Natur, indem sie ihm die bestmögliche Erziehung und Anerkennung und Belohnung für seine Begabung gewährte; ein im Wandel begriffenes und explosives politisches Klima erlaubte ihm, seine natürlichen Gaben voll auszuspielen. Heine der Dichter wurde und wird in der deutschsprachigen Welt besonders bewundert und geliebt, genauso wie Heine der Satiriker besonders in der jüdischen Diaspora geschätzt wird.

Für die Meisten ist es einfacher, sich Heine als einen jüdischen Dichter und Polemiker vorzustellen (der auf die gleiche Art und Weise ein Virtuose in der deutschsprachigen Dichtung wurde wie Heifetz, Stern und andere Virtuosen im Bereich der deutschen Musik), denn als einen deutschen Dichter, der aufrichtig ein liberaleres Deutschland wünschte und dafür kämpfte.

Jene Deutschen, die den politischen Agitator Heinrich Heine eindeutig als undankbaren Verräter ansahen, weil er die Kultur und die Werte Deutschlands herabwürdigte und sie durch seine eigenen ersetzen wollte, waren verständlicherweise verärgert über seine sarkastischen, abfälligen und geradeheraus beleidigenden Bemerkungen über Personen, Institutionen und Orte, die seine Jugend erfüllt und geprägt hatten. Tatsächlich verletzte er eine grundlegende Regel zivilisierten Verhaltens, die er im Verlauf seines bewegten Lebens irgendwann hätte gelernt haben sollen, nämlich das jüdische Sprichwort „Beschmutze nicht die Quelle aus der du trinkst“.

Schwerwiegender ist allerdings die Tatsache, dass jene guten und schlechten persönlichen Eigenschaften, die Heine von seinen Vorfahren geerbt hatte und die ihm so gute Dienste leisteten, ebenso bei vielen seiner jüdischen Genossen vorhanden waren, welche in Deutschland zu immer größerer Macht gelangten. In dem Maße, in dem Juden immer mehr die juristischen und medizinischen Berufe, die Banken und die Massenmedien dominierten, wurden jüdischer Ethnozentrismus, ihre kritische Einstellung zu Deutschland und ihr unermüdlicher Machtwille immer offensichtlicher. Gleichzeitig wurden sie tonangebend in revolutionären politischen Bewegungen, insbesondere im Kommunismus. Die angestaute Empörung der Deutschen über die Rolle so vieler Juden in subversiven (Kommunismus) und dekadenten (Weimar) Strukturen machte sich schließlich mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus Luft.

Literatur

1) Kurt F. Reinhardt (1896-1983). Germany: 2000 Years. Frederick Ungar Publishing Co., New York, Vols. 1 and 2, 1950. (Reinhardt war Professor für Germanistik an der Stanford University.)

2) Robert Herndon Fife (1871-1958). Die Harzreise. Henry Holt and Company, New York, 1933, Introduction pp. ix-lxxxv. (Fife war Professor für Germanistik an der Columbia University.)

3) Wikipedia-Artikel, die mit seinem Leben, seinem Werk und ihm zugeschriebenen Aussagen zu tun haben.

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