Grausamkeit und Verweichlichung

Erstveröffentlichung auf As der Schwerter.

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[…] während also die Demokratisirung Europa’s auf die Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne vorbereiteten Typus hinausläuft, wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der starke Mensch stärker und reicher gerathen müssen, als er vielleicht jemals bisher gerathen ist […].

Friedrich Nietzsche

 

Jan Luyken: „Die Heilige Inquisition“

Grausamkeit ist ein komplexes Phänomen; sie ist in unserem Leben allgegenwärtig und gleichzeitig für den Durchschnittsdeutschen kaum direkt erfahrbar. Als Opfer eines (inzwischen gar nicht mehr so) leisen Genozids sind wir permanent unglaublicher Grausamkeit ausgesetzt, allerdings in Form einer von Vielen gar nicht wahrgenommenen „weichen Gewalt“. Wir werden systematisch dazu gebracht, bestimmte Formen der Grausamkeit hinzunehmen und dabei selbst zu verweichlichen.  Grausamkeit wird in den Medien einerseits in der Fiktion verherrlicht, in Bezug auf die Wirklichkeit aber zensiert. In Serien wie Six feet under werden wir an den Anblick von Leichen gewöhnt und verlieren unser Gefühl für Pietät; in den Filmen Quentin Tarantinos werden wir durch eine pervertierte Sympathielenkung dazu gebracht, uns über die brutale Ermordung von Deutschen zu amüsieren. Wirkliche Grausamkeit in unserer unmittelbaren Umwelt wird aber vor uns verborgen und geleugnet. Nicht nur, dass Verbrechen wie die Gruppenvergewaltigung deutscher Mädchen oder die „Steinigung“ deutscher Männer mit Fußtritten durch zugereiste Nutznießer unseres Sozialsystems (eine klassisch orientalische Methode) nach Möglichkeit verheimlicht wird. Gewalt geht angeblich immer nur von Deutschen (bzw. Weißen) aus, auch wenn die meisten von uns wahrscheinlich keiner Fliege etwas zuleide tun können; andere Völker werden prinzipiell als offenherzig, charmant, tolerant und gastfreundlich dargestellt.

Die deutschen Romantiker (hier Moritz von Schwind) verklärten das Mittelalter.

Mehrfach wurde von Kommentatoren auf As der Schwerter geäußert, dass die Deutschen von Natur aus nicht grausam seien und dass uns ein ritterliches Verhalten gut anstehe. Dieser Gedanke ist mir sympathisch, und ich halte ihn bis zu einem gewissen Grad auch für zutreffend, bin mir dabei aber ziemlich sicher, dass sich die für die deutsche Kultur charakteristischen Vorstellungen von Ritterlichkeit erst mit dem Mittelalterkult der Romantiker herausgebildet haben. Inwiefern wir Deutschen mit dieser idealistisch-romantischen Sichtweise allein sind, zeigt uns Wolfgang Venohrs sehr lesenswerte Beschreibung seiner Erfahrungen als SS-Soldat (Die Abwehrschlacht), wo er berichtet, wie er nach dem Kampf an der Ostfront damit rechnete, im Westen einem „ritterlichen Feind“ gegenüberzutreten. Dies bewahrheitete sich nicht. Nach einem eher unritterlichen Kampf mussten viele der unterlegenen Deutschen – wenn sie denn überlebten – die Demütigungen der hohnlachenden britischen und nordamerikanischen Sieger über sich ergehen lassen.

Karl Friedrich Schinkel: Landschaft mit gothischer Kathedrale

Auch in der Gegenwart besteht für alle von uns die Möglichkeit, neben der erwähnten weichen Grausamkeit auch harter Grausamkeit ausgesetzt zu werden; im Falle offener gewalttätiger Auseinandersetzungen eventuell sogar systematisch und umfassend. Wie sollten wir darauf reagieren? Können wir darauf angemessen reagieren? Verwandt mit der Grausamkeit ist die Härte, welche ich für eine positive Eigenschaft halte, solange sie nicht das ganze Wesen bestimmt, so dass man körperlich und seelisch verhärtet. Ebenso gehe ich davon aus, dass man in bestimmten Situationen und gegenüber bestimmten Feinden möglicherweise zu einer Härte, die sich prinzipiell nicht von Grausamkeit unterscheidet, gezwungen sein kann, um das eigene Überleben – auch kollektiv – zu sichern.

Wie uns Nietzsche bestätigt, können wir unser eigenes Potential am besten durch einen Blick auf unsere Vorfahren abschätzen:

Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben: ob sie etwa emsige Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens, bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren Tugenden; oder ob sie an’s Befehlen von früh bis spät gewöhnt lebten, rauhen Vergnügungen hold und daneben vielleicht noch rauheren Pflichten und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der Geburt und des Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz ihrem Glauben – ihrem “Gotte” – zu leben, als die Menschen eines unerbittlichen und zarten Gewissens, welches vor jeder Vermittlung erröthet. Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch nicht die Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und Altvordern im Leibe habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag. Dies ist das Problem der Rasse.

Von einem Kommentator (ich glaube, es war Bran) wurde im Hinblick auf unsere Urahnen unser Potential an Grausamkeit so eingeschätzt:

Die Kelten haben Rom gestürmt und die Bande dieser Sandalenträger ziemlich aufgemischt. Dann nahmen sie einen Riesenhaufen Gold mit und verzogen sich wieder in ihre Stammesländer zurück. Sie haben die Römer nicht ausgerottet und doch haben sie damals gesiegt. Die Germanen haben den Römern an einem weiterhin unbekannten Waldrand den Arsch versohlt und ihre Grenzen damit auf lange Zeit unattraktiv gemacht. Sie stürmten nicht weiter und rotteten die Römer aus.

Die Studien des Althistorikers Jacob Burckhardt (das Gesamtwerk ist jüngst günstig bei 2001 neu in zwei Bänden herausgegeben worden) legen ein anderes Szenarium nahe: Von der Zeit des Augustus an wurde das römische Reich zunehmend von Germanen überschwemmt. Ab einem gewissen Zeitpunkt stellten sie in der Armee und dann auch in der Bevölkerung zumindest in Norditalien die Mehrheit. Die Römer gibt es nicht mehr; Rom wurde germanisiert, vom Geburtenüberschuss unserer Urahnen fortgeschwemmt. Norditalien hat noch heute einen stark germanischen Einfluss, man begegnet dort noch blonden und blauäugigen Menschen. Die iberische Halbinsel wurde ebenfalls germanisiert. Selbst in Mexiko gibt es infolge der Kolonialisierung Amerikas noch eine kleine Minderheit an Ariern. Die germanischen Vandalen sind bis nach Nordafrika gewandert (und haben sich dort aufgelöst). Warum konnte Mitteleuropa dominant germanisch-keltisch bleiben? Weil Geburtenüberschuss und rücksichtsloser Expansionsdrang einen Puffer gegen die nichtarischen Völker schafften. Zweifelsohne war die germanische Expansion mit Raubzügen, Plünderungen und Metzeleien verbunden. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass sie aus purer Lust an der Grausamkeit handelten, halte ich es ebenso für unwahrscheinlich, dass unsere Vorfahren sich dabei besonders rücksichtsvoll zeigten.

Und warum verschwanden die Römer? Nietzsche ist sich mit Montesquieu darin einig, dass sie eines der rücksichtslosesten, stolzesten und härtesten Völker waren. In den Glanzzeiten der Expansion leisteten sie Unglaubliches: Das Potential überlegener Technik und Strategie wurde durch äußerste Härte gegen sich selbst und den Feind voll ausgeschöpft. Montesquieu veranschaulicht in seiner Rom-Studie (Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence) detailliert, wie dieses Kriegervolk (freie Landbesitzer nahmen selbst die Verteidigung ihrer Heimat – und deren Expansion – in die Hand) über die Jahrhunderte so verweichlichte, dass sich gegen Ende des Reiches kaum noch gebürtige Römer dazu bereitfanden, im Heer zu dienen; die letzten zweihundert Jahre wurde das Reich überwiegend von Barbarenkaisern regiert, und die germanischen Söldner machten zuletzt gemeinsame Sache mit den ihnen blutsverwandten Eindringlingen, welche sie eigentlich abwehren sollten.

Friedrich Nietzsche

In Nietzsches Studien zur Genese unserer Werturteile (Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral) kann man lesen, wie robust unsere Vorfahren noch vor wenigen hundert Jahren veranlagt waren. Auch literarische Texte wie Kleists Michael Kohlhaas (die Handlung spielt im 16. Jahrhundert) geben davon einen Eindruck: Der sich gegen die korrupte Obrigkeit auflehnende Protagonist wird nach seinen Rachefeldzügen dazu verurteilt, mit glühenden Zangen von Schinderknechten gekniffen, dann gerädert und schließlich gehängt (oder gevierteilt) zu werden. Nach Nietzsche (Genealogie) waren solche öffentlichen Vorführungen für unsere Vorfahren ein „Fest der Grausamkeit“:

Es widersteht, wie mir scheint, der Delikatesse, noch mehr der Tartüfferie zahmer Hausthiere (will sagen moderner Menschen, will sagen uns), es sich in aller Kraft vorstellig zu machen, bis zu welchem Grade die Grausamkeit die grosse Festfreude der älteren Menschheit ausmacht, ja als Ingredienz fast jeder ihrer Freuden zugemischt ist; wie naiv andrerseits, wie unschuldig ihr Bedürfniss nach Grausamkeit auftritt, wie grundsätzlich gerade die »uninteressirte Bosheit« (oder, mit Spinoza zu reden, die sympathia malevolens) von ihr als normale Eigenschaft des Menschen angesetzt wird –: somit als Etwas, zu dem das Gewissen herzhaft Ja sagt! Für ein tieferes Auge wäre vielleicht auch jetzt noch genug von dieser ältesten und gründlichsten Festfreude des Menschen wahrzunehmen; in »Jenseits von Gut und Böse« S. 117 ff. (früher schon in der »Morgenröthe« S. 17. 68. 102) habe ich mit vorsichtigem Finger auf die immer wachsende Vergeistigung und »Vergöttlichung« der Grausamkeit hingezeigt, welche sich durch die ganze Geschichte der höheren Cultur hindurchzieht (und, in einem bedeutenden Sinne genommen, sie sogar ausmacht). Jedenfalls ist es noch nicht zu lange her, dass man sich fürstliche Hochzeiten und Volksfeste grössten Stils ohne Hinrichtungen, Folterungen oder etwa ein Autodafé nicht zu denken wusste, insgleichen keinen vornehmen Haushalt ohne Wesen, an denen man unbedenklich seine Bosheit und grausame Neckerei auslassen konnte (– man erinnere sich etwa Don Quixote’s am Hofe der Herzogin: wir lesen heute den ganzen Don Quixote mit einem bittren Geschmack auf der Zunge, fast mit einer Tortur und würden damit seinem Urheber und dessen Zeitgenossen sehr fremd, sehr dunkel sein, – sie lasen ihn mit allerbestem Gewissen als das heiterste der Bücher, sie lachten sich an ihm fast zu Tod). Leiden-sehn thut wohl, Leiden-machen noch wohler – das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz, den übrigens vielleicht auch schon die Affen unterschreiben würden: denn man erzählt, dass sie im Ausdenken von bizarren Grausamkeiten den Menschen bereits reichlich ankündigen und gleichsam »vorspielen«. Ohne Grausamkeit kein Fest: so lehrt es die älteste, längste Geschichte des Menschen – und auch an der Strafe ist so viel Festliches!

Anschaulich ist auch das Verhalten der Landsknechte im 30jährigen Krieg. Erst in relativ kurz zurückliegender Vergangenheit hat man dann begonnen, den Krieg zu normieren (Haager Landkriegsordnung etc.). Wenn die Teilnehmer sich nicht daran halten (wie die Gegner Deutschlands im 2. Weltkrieg) ist das aber auch nur ein Stück Papier. In den uns möglicherweise bevorstehenden Auseinandersetzungen werden wir eventuell ebenfalls vergleichsweise wenig zartbesaiteten Gegnern gegenüberstehen:

Fußbrett (Deutschland)

Vielleicht that damals – den Zärtlingen zum Trost gesagt – der Schmerz noch nicht so weh wie heute; wenigstens wird ein Arzt so schliessen dürfen, der Neger (diese als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen genommen –) bei schweren inneren Entzündungsfällen behandelt hat, welche auch den bestorganisirten Europäer fast zur Verzweiflung bringen; – bei Negern thun sie dies nicht. (Die Curve der menschlichen Schmerzfähigkeit scheint in der That ausserordentlich und fast plötzlich zu sinken, sobald man erst die oberen Zehn-Tausend oder Zehn-Millionen der Übercultur hinter sich hat; und ich für meine Person zweifle nicht, dass, gegen Eine schmerzhafte Nacht eines einzigen hysterischen Bildungs-Weibchens gehalten, die Leiden aller Thiere insgesammt, welche bis jetzt zum Zweck wissenschaftlicher Antworten mit dem Messer befragt worden sind, einfach nicht in Betracht kommen.) Vielleicht ist es sogar erlaubt, die Möglichkeit zuzulassen, dass auch jene Lust an der Grausamkeit eigentlich nicht ausgestorben zu sein brauchte: nur bedürfte sie, im Verhältniss dazu, wie heute der Schmerz mehr weh thut, einer gewissen Sublimirung und Subtilisirung, sie müsste namentlich in’s Imaginative und Seelische übersetzt auftreten und geschmückt mit lauter so unbedenklichen Namen, dass von ihnen her auch dem zartesten hypokritischen Gewissen kein Verdacht kommt (das »tragische Mitleiden« ist ein solcher Name; ein andrer ist »les nostalgies de la croix«).

Ich kann nicht anders, als hier an die zeitgenössische Holocaustreligion zu denken. Geht es hier nicht um eine subtile, seelische Grausamkeit, hinter der zwar ursprünglich und hauptsächlich Kräfte stehen, die nach unserer Zerstörung trachten, in denen sich manch „hysterisches Bildungs-Weibchen“ beiderlei Geschlechts jedoch mit Wonne suhlt?

Als Nietzsche 1886 der Zeit den Puls fühlte, diagnostizierte er bereits treffsicher, was sich inzwischen zu einem Wahnsinn ausgewachsen hat:

Es wäre ein Machtbewusstsein der Gesellschaft nicht undenkbar, bei dem sie sich den vornehmsten Luxus gönnen dürfte, den es für sie giebt, – ihren Schädiger straflos zu lassen. »Was gehen mich eigentlich meine Schmarotzer an? dürfte sie dann sprechen. Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich noch stark genug!«

Ähnlich mögen unterbewusst auch manche in Rotweingürteln hausenden Wähler ihrer eigenen Henker empfinden, die noch das Glück haben, Eltern blonder Maximilians und Julianen sein zu dürfen. Wenn sich auch durch das von unseren Vorfahren ererbte Potential  die überlegene Stärke, die sich in einem solchen Empfinden ausdrückt, im individuellen Vergleich mit unseren unmittelbaren Schädigern bewahrheiten mag, so ist sie doch vor dem Hintergrund des demographischen, innen- und weltpolitischen Szenariums und der tatsächlichen Kräfte, die uns die Schädiger, an denen wir unsere Güte beweisen dürfen, hergeschickt haben, doch ein Selbstbetrug, dessen fatale Folgen wir mit Recht zu fürchten haben.

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