Mesirah und Kindesmissbrauch in Brooklyn

Avrohom Mondrowitz

Von Kevin MacDonald. Das englische Original Mesirah and child sexual abuse in Brooklyn wurde am 29. Dezember 2011 auf The Occidental Observer veröffentlicht. Übersetzung durch Sternbald (zum ersten Mal erschienen auf As der Schwerter).

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Im Rahmen der Beschreibung seiner Weihnachtsfeier teilt Taki uns diese pikante Nachricht mit:

Was kleine Jungen betrifft, sollten wir es der New York Times überlassen, sich zu überlegen, wie sie folgende Schlagzeile verpackt, die eigentlich nicht gedruckt werden dürfte, weil sie nicht anti-katholisch ist: Der Staatsanwalt von Brooklyn verhaftete kürzlich beachtliche 85 orthodoxe Juden wegen Kindesmissbrauch. 1985 war bereits ein chassidischer „Therapeut“ wegen des Missbrauchs von fünf Jungen verurteilt worden – die Polizei ging allerdings davon aus, dass tatsächlich mehr als hundert Opfer betroffen waren. Avrohom Mondrowitz floh nach Israel, wo er bis zum heutigen Tag als freier Mann lebt. Die netten Kerle, die steinewerfende palästinensische Kinder erschießen, weigern sich, ihn auszuliefern. Brooklyns Staatsanwalt Charles Hynes muss nun umsichtig vorgehen. Fünfzig Rabbis haben eine öffentliche Erklärung auf Jiddisch unterzeichnet, in der die chassidischen Familien, die sich an die Polizei gewandt haben, verurteilt werden. Sie fordern alle Gläubigen dazu auf, – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – die Familie, die die „jüdischen Brüder“ angezeigt hat, zu töten. Was soll demnach mit den 85 Perversen geschehen? Ich weiß nur, dass die Times nicht ein Wort dazu geschrieben hat, während der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche monatelang die Schlagzeilen beherrschte. Eine Gemeinschaft, in der Rabbis, welche den nicht-jüdischen Rest der Welt hassen, den Eltern eines missbrauchten Kindes vorschreiben können, ob sie sich an die mehrheitlich nicht-jüdische Polizei wenden dürfen, ist abgründig böse. Sollten betroffene Eltern bei der Times eine Brandbombe legen, dürfen wir es vielleicht auf einer der hinteren Seiten erfahren.

Dies ist ein weiteres erhellendes Beispiel für das Mesirah-Gebot (Todesdrohungen eingeschlossen) und ebenso für die jüdische Feinfühligkeit der Times, bei deren Weigerung irgendetwas Negatives über ihre bevorzugte religiöse und ethnische Gruppe zu schreiben, es sich um eine moderne Version des Mesirah-Gebots handelt. Und dann gibt es da noch die Tatsache, dass Israel sich weigert, jüdische Verbrecher auszuliefern – noch ein Thema, welches die Times lieber unter den Tisch kehrt.

Es steht außer Frage, dass Mesirah die beabsichtigte Wirkung entfaltet. Aufgrund des Gruppendrucks werden nur wenige der Verbrecher ins Gefängnis gehen müssen:

Bisher wurden bereits 38 Fälle im Rahmen der Untersuchung Kol Tzedek (was laut der [New York] Post auf Hebräisch „Stimme der Gerechtigkeit“ bedeutet) von der Staatsanwaltschaft Brooklyn ad Acta gelegt. […] Einige Täter kamen laut der Post nahezu straffrei davon, da „die Opfer oder ihre Eltern unter dem Druck der Gemeinschaft ihre Anzeigen zurückgezogen haben“ (siehe hier).

Ich gestehe, dass ich nicht umhin kann, bei all diesen Nachrichten über Kindesmissbrauch unter orthodoxen Juden an die Videos in Trudie Perts jüngstem Artikel über Rabbi Schneerson zu denken. All dieses Tanzen und Befingern der Männer untereinander: Sehr starke Männerbünde (ein Teil von Alan Dershowitzs Beschreibung der „Jiddischkeit“), die definitiv nicht dem entsprichen, was im Falle erwachsener Männer als normal angesehen wird.

Ich fühle mich ebenfalls an Edward Nordens Commentary-Artikel von 1995 „From Schnitzler to Kushner” erinnert, welcher die überdurchschnittliche Anzahl an Schwulen unter jüdischen Theaterautoren diskutiert:

Hat die Anzahl der schwulen Juden einen Quantensprung gemacht, oder scheint es nur so, weil der Kleiderschrank aufgeräumt wurde [sich „outen“ wird auf Englisch mit „aus dem Kleiderschrank kommen“ umschrieben]? Jede unglücklich-unverheiratete, heterosexuelle, nicht orthodoxe Jüdin in New York, die gerne jüdisch heiraten und jüdische Kinder haben möchte, wird wahrscheinlich überzeugt sein, darauf eine Antwort geben zu können. Es ist nicht nur so, dass diejenigen, die sich bisher nicht trauten, sich nun geoutet haben. Nein, die Schwulenszene ist unter der gegenwärtigen Generation männlicher Juden schick geworden, und die tatsächliche Anzahl schwuler Juden ist in die Höhe geschossen.

Hier begeben wir uns in nicht erschlossenes Gebiet. Alle Experten sagen, dass das Verhältnis zwischen Männern, welche Männer begehren, und Männern, welche Frauen begehren, ungeachtet von Zeit und Ort sowie Freizügigkeit oder Repression konstant bleibt und dass die Gruppe der Schwulen statistisch winzig ist. „Aber was können die Experten schon wissen?“, wird unsere kinderlose jüdische Anwältin mit einem Bruder, der zur Szene gehört, fragen. Wie kann es sein – wenn die Experten richtig liegen –, dass Freitagnacht mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Gläubige im Beth Simchat Torah, dem schwul-lesbischen Innenstadt-shul, sind, als in irgendeiner anderen Synagoge? Geht man freitagabends nach dem Gottesdienst in die Weststadt, sieht man zahlreiche jüdische Männer in trauter Zweisamkeit bei Kerzenschein in den italienischen Restaurants.

Könnte es sein, dass diese homosexuellen Tendenzen Teil des haftfähigen sozialen Leims traditioneller jüdischer Gemeinschaften sind – denen es gelingt, auf zwei Hochzeiten zu tanzen, indem sie ebenfalls auf Zeugung von Nachwuchs und Großfamilien bestehen?

Mir wurde ein Link zu einem sehr aufschlussreichen Text („Der Wegwerfjude: Betrachtungen zu Kindesmissbrauch und Religion“ – “The Disposable Jew: Reflections on Child Sexual Abuse and Religious Culture” hier zum downloaden) von Michael Lesher geschickt, der selbst ein orthodoxer Jude und Anwalt einiger Opfer von Mondrowitz ist. Lesher zeigt auf, wie tiefverwurzelt Mesirah in diesen Gemeinschaften ist. Weiterhin bezeugt der Text extremen Kollektivismus und Autoritarismus. Opfer und ihre Familien schrecken wegen der Schädigung ihres Rufs in der Gemeinschaft (und dies betrifft die Heiratsaussichten der gesamten Familie) davor zurück, Anzeige zu erstatten. Hierbei handelt es sich um eine sehr alte Form typisch jüdischer Bestrafung von Abweichlern.

Der Autor argumentiert weiter, dass Missbrauch auch deswegen stattfinden kann, weil das traditionelle jüdisch-religiöse Denken nicht davon ausgeht, dass Menschen ein natürliches Recht haben, über ihren Körper zu bestimmen, sondern dass dieses Recht eher bei denjenigen liegt, die mehr Macht in der Gemeinschaft haben – ein Aspekt des traditionellen jüdischen Autoritarismus. Bemerkenswert ist ebenfalls die wiedergegebene Aussage eines prominenten Rabbis, dass „das Argument, „dass die Wahrheit nicht unterdrückt werden soll“ unjüdisch ist“. Man stelle dies der Kopfzeile von American Renaissance gegenüber, welche folgende Aussage Jeffersons wiedergibt: „Es gibt keine Wahrheit, die ich fürchte oder von der ich wünschte, sie sei der Welt unbekannt“.

Wahrheit ist in der traditionellen jüdischen Gesellschaft bedeutungslos. Was zählt, sind allein die Interessen der Gruppe, welche von allmächtigen Rabbis bestimmt werden – so mächtig, dass selbst Kindesmissbrauch unter Umständen straflos bleibt. Dementsprechend ist Wahrheit nichts als eine Konvention: Die Orthodoxen „definieren Wirklichkeit konspirativ, durch einen Konsens der Gläubigen und unter Vermeidung des Risikos an die Vernunft zu appellieren“. Genau so habe ich die Ideologie intellektueller und politischer jüdischer Bewegungen charakterisiert (Ch. 6 of CofC, p. 237):

Ein grundlegender Aspekt der jüdischen Geistesgeschichte ist die Tatsache, dass es keinen nachvollziehbaren Unterschied zwischen Wahrheit und Konsens gibt. Innerhalb des traditionellen jüdisch-religiösen Diskurses ist „Wahrheit“ das Vorrecht einer privilegierten Elite von Interpreten, welche der Klasse der Schriftgelehrten angehören. […]

Im Folgenden gebe ich einige Ausschnitte aus „Der Wegwerfjude“ („The Disposable Jew”) wieder:

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Was für einen Preis man dafür zahlen muss, an die Öffentlichkeit zu treten

Das Desinteresse – oder Schlimmeres – der Religionsgemeinschaft bezüglich des Missbrauchs verursacht einen Teil des Traumas der Opfer. Nahezu alle von ihnen sagen mir, dass sie ihre Erlebnisse bis heute nicht offen beschreiben können, da sie sich gleichzeitig einer religiösen Gesellschaft verpflichtet fühlen, in der es als verwerflich gilt, „Schande“ über die eigene Familie zu bringen – oder über den eigenen Rabbi. […]

Michael lebt nach wie vor in einer tief religiösen Gemeinde, aber es ist ihm seither nicht mehr möglich, den Rabbis so zu vertrauen, wie er es ehedem tat. Er hat selten das Gefühl, dass er seine Erfahrung anderen mitteilen kann; er befürchtet, dass er und seine Familie dadurch als von den Anderen abweichend und irgendwie suspekt erscheinen. Mittlerweile sind einige Wenige unterrichtet. Seine Frau gehört dazu, aber solange diese Information die Heiratsaussichten ihrer Kinder beeinträchtigen kann, möchte sie nicht, dass Fremde davon erfahren, denn sie und Michael glauben, dass dies alles ist, was dabei herauskommen würde, wenn sie mit Glaubensbrüdern offen darüber sprechen würden.

„Jakob“ ist ebenfalls ein typischer Fall unter den Opfern von Mondrowitz. [Avrahom Mondrowitz ist der von Taki erwähnte Rabbi, der vor Auslieferung geschützt seit 1984 glücklich in Israel lebt. Lesher zufolge „sodomisierte oder missbrauchte er auf andere Weise hunderte orthodoxe jüdische Kinder in den frühen 1980ern“. Es kam erst zur Verhaftung, als er es auf italienische Kinder abgesehen hatte, die dann zur Polizei gingen.] Mit Bitterkeit beschreibt er, wie orthodoxe Rabbis jahrzehntelang alles dafür taten, zu verhindern, dass Mondrowitz zur Rechenschaft gezogen wurde, um kein schlechtes Licht auf Brooklyns ultraorthodoxe Juden fallen zu lassen. […]

Das heißt also, dass Missbrauchsopfer damit rechnen müssen, einen hohen Preis zu bezahlen, wenn sie Anzeige erstatten, da dies unvermeidlich negative Berichterstattung mitsichbringt. Was wir hier sehen, scheint mir die völlige Umkehrung des normalen Blicks auf Täter und Opfer zu sein: Aus dieser Perspektive ist die Anzeige des Opfers schlimmer als das Verbrechen des Täters! Soweit mir bekannt ist, wurde den Opfern, ihren Familien und der Gemeinde gegenüber Rabbi Blaus Aussage, dass der „Skandal“, welcher den Täter und seine Familie trifft, bei der jüdischen Führung mehr Mitgefühl auslösen sollte als die Schädigung durch den geschehen Kindesmissbrauch, nie widersprochen.

„Ihn bei der Polizei anzuzeigen? Ich glaube, darauf ist niemand gekommen; nicht einmal ich“, sagt Michael. „Nein, das hätte niemand getan. Niemand hätte es tun wollen. […] Selbst heutzutage rede ich nicht darüber. Meine Familie befürchtet, dass dies auf uns alle ein schlechtes Licht werfen würde.“

„Ich habe mit einer ganzen Reihe an Rabbis gesprochen, einige hochgestellte eingeschlossen, und manche von ihnen schienen sehr sympathisch zu sein“, berichtet ein anderes Opfer. „Aber in all den Jahren hat niemand von ihnen etwas dafür getan, dass das Gesetz angewendet wird, und dies obwohl Mondrowitz, ein Pädophiler mit einer langen Missbrauchsgeschichte, nach wie vor frei ist.“ (Ich möchte hinzufügen, dass mir 2006, als ich erfahren habe, dass es möglich gewesen wäre, mit weiteren Opfern von Mondrowitz Kontakt aufzunehmen, welche Interesse daran gehabt haben könnten, öffentlich dessen Strafverfolgung zu fordern, ein prominenter Rabbi die Hilfe bei dieser Kontaktaufnahme verweigerte.)

Die Idiosynkrasie der jüdischen Religion ermöglicht Kindesmissbrauch

In jeglicher Situation, in der einem Kind von einem Erwachsenen Gewalt angetan wird, ist nur die Perspektive des Erwachsenen von Belang, nicht die des Kindes; dieses hat außerdem kein Recht, zu fragen, warum dies so ist.

Es ist nicht schwer, neue Sammlungen jüdischer Verhaltensregeln im Bereich der Sexualität zu finden. Besonders bemerkenswert an ihnen sind die peinlich genauen Details der verbotenen Handlungen. Aber trotz der strengen Moral hinsichtlich solcher Gefahren wie beispielsweise dem Auf-dem-Rücken-Schlafen (welches möglicherweise zum Masturbieren verleitet) oder dem unbeaufsichtigten Zusammensein eines neun Jahre alten Jungen mit einer unverheirateten erwachsenen Frau (aus Angst vor unerwarteten sexuellen Kontakten) sagen diese Texte nichts zum Thema Kindesmissbrauch. Die Regeln, die das Beisammensein von Mann und Frau verbieten, finden selbst in den jüngsten religiös-normativen Texten keine Anwendung auf eine Situation, in der es um einen Pädophilen und ein Kind geht.

Zu den bereits zitierten Stellen in Hosea und Hesekiel kann man noch (vorläufig) die Weissagung Jesajas (47: 2-3) hinzufügen, in welcher genüsslich göttliche Vergeltung in Form einer Vergewaltigung beschrieben wird:

„Nimm die Mühle und mahle Mehl; flicht deine Zöpfe aus, hebe die Schleppe, entblöße den Schenkel, wate durchs Wasser, daß deine Blöße aufgedeckt und deine Schande gesehen werde. Ich will mich rächen, und kein Mensch soll mir abbitten.“

Wie bereits erwähnt, ist das Wichtigste an solchen Passagen nicht ihre – zugegeben bemerkenswerte – Obszönität, sondern die Annahme, dass Sexualität genuin ein Instrument der Demütigung ist und dass die sexuelle Unversehrtheit einer Person nicht deren natürliches Recht ist, sondern ein Privileg, welches von jemandem mit mehr Macht verliehen oder entzogen werden kann.

Die Einstellung der jüdischen Autoritäten

Die Aufklärungsfeindlichkeit traditioneller Autoritäten ist auch dann stark, wenn Strafverfolgung nicht einmal in Erwägung gezogen wird. 2006 begannen sich über Blogs im Internet ernstzunehmende Beweise dafür zu verbreiten, dass bekannte Yeshivos wiederholt Berichte über Kindesmissbrauch durch Rabbis ignoriert oder unterdrückt hatten. Sie erreichten auch orthodoxe Institutionen – und die Medien. Was war die Antwort des institutionalisierten Judaismus? Kaum zwei Monate nachdem Rabbi Blaus harsches Urteil im Internet erschienen war, bekräftigte Agudath Israel of America, einer der landesweit einflussreichsten orthodoxen Verbände, diese Sichtweise, indem der Großteil einer Sitzung seiner Dachvereinigung damit verbracht wurde, die Mitglieder davor zu warnen, die Internetseiten zu lesen, auf denen die Anschuldigungen zu finden waren! […]

Bedenken, dass Wahrheit unjüdisch ist

Ein orthodoxer Jude, der mir E-Mails schrieb, war sich der Ironie, die seinem Versuch anhaftete, Rabbi Salomon und dessen Gemeinde vor Rabbi Salomons eigenen Worten zu schützen, nicht bewusst. Als ich ihm mitteilte, dass es von augenscheinlichem Interesse sei, zu wissen, was ein bekannter Rabbi zu einer Sache von öffentlichem Belang gesagt hat – und nicht einfach, was sein Pressesprecher ihm gerne in den Mund legen würde –, erwiderte er, dass das „Argument, „dass die Wahrheit ans Licht kommen muss“ eine unjüdische Sichtweise darstelle“. Quod erat demonstrandum

Genau deshalb können die traditionellen religiösen Gemeinden nicht denen vergeben, welche […] die Wahrheit nicht unterdrücken. Kinderschänder mögen Verbrecher sein; wer aber öffentlich die Wahrheit über sie ausspricht, ist noch schlimmer. So jemand ist ein Verräter. Er verrät nicht nur eine Gemeinschaft, sondern eine religiöse Lehre, eine Ehrensache […].

Ich durfte die Früchte dieser Denkweise selbst kosten, als ich 2006 in ABCs Nightline auftrat, um den damals stockenden Prozess gegen Mondrowitz zu diskutieren. Im Namen meiner Klienten erklärte ich, dass nur durch öffentlichen Druck weitere Anstrengungen unternommen werden würden, um Israel zur Auslieferung dieses wegen Sodomie und Kindesmissbrauch angeklagten Schwerverbrechers zu bewegen. Neben Mark Weiss, einem von Mondrowitz’ zahlreichen Opfern, erschien Dr. Amy Neustein mit mir im Fernsehen – wir alle orthodoxe Juden –, um darauf hinzuweisen, wie schwer Mondrowitz eine erstaunliche Anzahl an Kindern (fast alle jüdisch) geschädigt hatte. Wir sprachen auch über den offensichtlich durch den Druck der jüdischen Gemeinde politisch motivierten Unwillen des Staatsanwalts, ihn zu verfolgen und die Notwendigkeit, letztendlich Gerechtigkeit walten zu lassen. Viele orthodoxe Juden reagierten auf meine öffentlichen Äußerungen exakt entlang der Shafran-Schick-Linie. Mir wurde gezeigt, dass öffentliches Auftreten im Dienste der Gerechtigkeit schlimmer als Kindesmissbrauch ist – und dass Wahrheit niemals die Priorität eines religiösen Juden sein kann. […]

Vielleicht muss eine Religion, welche lehrt, dass ihre Anhänger dem Wahnsinn oder der Sünde in die Arme getrieben werden, wenn sie sich direkt nach dem Aufwachen nicht die Hände waschen, die Wirklichkeit konspirativ definieren, durch Übereinstimmung der Gläubigen und unter Vermeidung des Risikos, die Vernunft zu gebrauchen. Ich vermute jedoch, dass die Angelegenheit weniger intellektuell als kulturell ist. In den letzen zweihundert Jahren hat das orthodoxe Judentum, gestützt durch Schriftgelehrte und bekräftigt durch Historiker, gelernt, sich gegen seine Kritiker zu behaupten, indem es diesen gegenüber die moralische Oberhoheit reklamiert und ihnen verachtungsvoll vorwirft, im ethischen Treibsand der Moderne zu versinken. Auf der ethischen Überlegenheit unseres Glaubens zu bestehen, hat uns aber ebenfalls dazu gebracht, unsere Rabbis (die exemplarischen Vertreter unseres Glaubens) über jede Kritik zu stellen. Diese Tatsache lässt jetzt jede neue Enthüllung über Kindesmissbrauch durch einen Rabbi zu einem Angriff auf das orthodoxe Judentum selbst werden. Daher wurde mein öffentliches Eintreten für die Opfer von Mondrowitz – obwohl diese Opfer alle selbst orthodoxe Juden sind – damit belohnt, dass meine eigene Rechtgläubigkeit angezweifelt wurde.

Die Yeshiva Universität unterdrückt die Wahrheit über sexuellen Missbrauch

Damit niemand mich beschuldigt, nur von meinem eigenen Fall her zu argumentieren, möchte ich darauf hinweisen, dass einige Jahre zuvor das Gleiche einem Studenten der Yeshiva Universität (mittlerweile ein orthodoxer Rabbi) passiert ist, der es gewagt hatte, in der Studentenzeitschrift einige wenige Linien zu schreiben, die sich auf Beiträge in The Jewish Week bezogen, in denen Rabbi Baruch Lanner des Missbrauchs weiblicher Studenten beschuldigt wurde (wofür Lanner kürzlich verurteilt und verhaftet wurde). Vertreter der Universität, welche der Ansicht waren, dass die Anschuldigungen dem Ruf der Institution schadeten, griffen die (tatsachentreuen) Zeitungsartikel und den orthodoxen Studenten, der diese verteidigte, mit dem unglaublichen Argument an, es handele sich um einen Teil einer „Verschwörung“ gegen das orthodoxe Judentum. [Rabbi Mordechai] Willig drohte damit, der Studentenzeitung die Finanzierung zu streichen. […] Mehr als ein Jahr lang verteidigten die Rabbis und Rosh Yeshiva [der Präsident] Lanner und verspotteten Rosenblatt [den Herausgeber von The Jewish Week] als einen Ketzer und Hasser der Werte der Torah. [..] Keine Bedeutung hatten dabei die Tatsachen, dass Rosenblatt sich öffentlich selbst als orthodox beschreibt und dass seine Zeitung vornehmlich Meinungskolumnen orthodoxer Rabbis veröffentlicht. Ebenso wenig ließ man sich davon beeindrucken, dass die Beweislage gegen Lanner erdrückend war (wie der Strafgerichtshof von New Jersey es letztendlich bestätigte). Vollkommen vergessen war, dass die Yeshiva Universität damit prahlt, den orthodoxen Judaismus mit der säkularen Gesellschaft zu versöhnen, was vorgeblich einschließt, für die Anerkennung säkularer Gesetze einzutreten. All dies spielte für die Yeshiva Universität angesichts der Anschuldigungen gegen Rabbi Lanner keine Rolle. Da das moralische Prestige des Rabbinats bedroht war, zogen sie eine lächerlich paranoide Verleumdungskampagne der Auseinandersetzung mit den Tatsachen vor; genau wie meine Kritiker sahen sie Wahrheit als ein Instrument an, nicht als einen Imperativ, und sie begriffen nicht, dass sie die Religion, die sie zu verteidigen versuchten, dabei schlecht aussehen ließen.

Gruppeninteressen stehen über einzelnen Leben

Die mir bekannten Fälle gestatten mir keinen Optimismus, und damit bin ich nicht allein. Meine Klienten bestätigen, dass der lange Schatten jüdischer Hierarchien ihr Schicksal als Opfer zusätzlich verdunkelt und ihre Verzweiflung vergrößert. „Es war nicht genug, dass ich von Mondrowitz benutzt und danach weggestoßen wurde“, sagt einer von ihnen. „Als ich anderen darüber berichten wollte, was er getan hatte, musste ich herausfinden, dass ich von ihnen ebenfalls weggestoßen werden konnte. Andere Dinge waren ihnen wichtiger als die Wahrheit über das, was mir angetan worden war: die Gemeinschaft und wie wir von außen wahrgenommen werden. Es gab weitere Bedenken: Die Anti-Semiten könnten bekräftigt werden; die Rabbis könnten schlecht aussehen. Diese Sorgen waren wichtiger als ich.“ Allzu oft – gewollt oder nicht – wird Missbrauchsopfern beigebracht, dass sie entbehrlich sind, während dies bei der Gesellschaftsordnung, die durch sie bedroht wird, nicht der Fall ist. Es beginnt damit, dass sie Opfer eines einzelnen Angreifers werden; am Ende sehen sie sich selbst als Opfer einer jüdischen Gemeinschaft, in welcher ihr eigener Platz plötzlich fragwürdig ist. Weder ihr Ruf nach Gerechtigkeit, noch die Tatsache ihrer Traumatisierung können gegen die verbissen verteidigten hierarchischen Prioritäten der Gemeinschaft ankommen. Selbst nachdem sie die Stärke aufgebracht haben, ihrem eigenen Schicksal ins Gesicht zu schauen, müssen sie darüber hinaus ihre Marginalisierung in einer Welt akzeptieren, die sie zuvor als die ihre betrachtet hatten. Sie sind zu Wegwerfjuden geworden.

Autoritarismus begünstigt sexuellen Missbrauch

Im traditionellen Judentum wird die Sexualität genauso von den Rabbis geregelt wie die Nahrungsaufnahme oder die Gebete. Die religiösen Normen achten auf jeden Aspekt des Geschlechtsverkehrs: wann, wie, wo, warum – und jede Unklarheit der Normen gibt den Rabbis Gelegenheit, sich einzuschalten. Junge Juden lernen sexuelle Verbote – gegen Masturbation, gegen Einsamkeit, gegen Berührungen zwischen Mann und Frau – von Lehrern bzw. Rabbis. Selbst verheiratete Erwachsene konsultieren Rabbis, um zu erfahren, wann der Geschlechtsverkehr verboten und wann er obligatorisch ist. Die Gebote betreffen den Zeitverlauf, die Position, ja selbst die Motive für den Geschlechtsverkehr. Orthodoxe Juden sind gewissermaßen dazu angehalten, den Rabbi mit ins Schlafzimmer zu nehmen. […]

Und hier schließt sich der Teufelskreis: Orthodoxe Juden werden vom Kindesalter an dazu abgerichtet, anderen Menschen – Rabbis – die höchste Kontrolle über ihr eigenes Geschlechtsleben zu überlassen. Wenn ein solches Kind nun von einem Rabbi missbraucht wird, müsste es den religiösen Autoritäten zufolge gegen die Vergewaltigung Anklage erheben – bei einem Rabbi! Können orthodoxe Juden ihre intimsten persönlichen Angelegenheiten Priestern überlassen und gleichzeitig eine Herrschaft über die Intimsphäre, welche ein Missbrauch ist, durch einige dieser Priester zurückweisen? Und werden andere Rabbis die Opfer unterstützen, wenn sie dies tun? Hat die traditionelle Gemeinschaft die Natur des Problems überhaupt begriffen? […]

Ich bin mir sicher, dass missbrauchende Rabbis dies erkannt haben. Meine Klienten berichten, dass Mondrowitz ihre Untertänigkeit zum Ausleben seiner sexuellen Dominanz ausnutzte. Wie ein Opfer mir erklärte, „befahl er mir, ihn nicht anzuzweifeln, da er wüsste, was das Beste für mich sei und dass er Dinge verstünde, die mir nicht begreiflich sein. All dies stimmte dermaßen damit überein, wie Rabbis auch über andere Dinge zu sprechen pflegen, dass ich ihm glaubte.“

Kindesmissbrauch in orthodoxen Gemeinden ist nicht „nur eine Verirrung“

Fordere ich zu viel, wenn ich verlange, dass Kindesmissbrauch unter Juden nicht nur eine Verirrung, ein Eindringen krankhaften Verhaltens in ansonsten moralisch intakte Strukturen ist?

Avi Shafran begeht diesen Trugschluss, wenn er für Agudath Israel schreibt, dass Missbrauch einem Mangel an Selbstdisziplin gleichkommt:

„Sicherlich wird es immer wieder Gläubige geben, die manchmal den Test der Selbstdisziplin nicht bestehen […]. Aber dadurch wird der jüdische Glauben nicht mehr in Zweifel gezogen als korrupte Polizisten oder drogenbenebelte Ärzte dies im Fall des Gesetzesvollzugs oder der Medizin tun.“

Das Übel des Kindesmissbrauchs zu einer Frage der „Selbstdisziplin“ zu reduzieren, bedeutet nur, die Tragweite des Problems kleinzureden. Mehr noch, es verhöhnt die Opfer, indem sexuelle Übergriffe als bloße Versehen dargestellt werden, die durch eine striktere Beachtung der existierenden Regeln vermieden werden können. Die untergründige Nachricht lautet, dass Missbrauchsopfer der Gemeinde nichts beibringen können, und sie beruhigt das orthodoxe Judentum gleichzeitig hinsichtlich der Vollkommenheit seines Glaubens und erinnert die Opfer daran, dass sie dafür verantwortlich sind, dass alles ruhig bleibt. Wie ich gezeigt habe, hat dieser grundlegende Irrtum tiefe Wurzeln im traditionellen jüdischen Denken. Diese Tatsache aber unterstreicht nur, wie groß die Notwendigkeit ist, unsere Haltung zu überdenken. In dem Maße, in dem wir Shafrans Diagnose zustimmen, weigern wir uns einfach aufzunehmen, was die Opfer uns mitteilen. Wir können nicht vorgeben, uns um die Opfer zu kümmern, solange wir so gleichgültig, so beabsichtigt schwerhörig im Hinblick auf die Bedeutung ihrer Erfahrungen sind.

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